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Ein langer letzter Tag

23.08.05: Die halbe Nacht rollte der Zug bereits durch das Podmoskowje - das Moskauer Umland. Gegen 3:15 haben wir uns selbst auferlegt, aufzustehen. Der Zug soll planmäßig 4:13 auf dem Jaroslawler Bahnhof einrollen und es sieht so aus, als würde er pünktlich sein. Eigentlich ist das nicht anders zu erwarten von der russischen Bahn. So vergeht die Zeit also mit Waschen, Packen und Essen und schon sind wir da.

Obwohl wir Zeit genug hatten, darüber nachzudenken, wie wir vom Bahnhof zum Flughafen kommen wollen, sind wir nun doch unschlüssig, ob wir mit der Metro, oder mit dem Taxi fahren. Die Metro fährt nicht bis Scheremetjewo. Da müsste man noch in einen Bus umsteigen. Mit dem Taxi würden wir wiederum sehr schnell da sein, was die Wartezeit am Flughafen länger werden ließe. Der Flug würde ja erst gegen Mittag gehen.

Wir nehmen sein Angebot schließlich an und quetschen uns samt Gepäck in seinen Wagen.Wir nehmen sein Angebot schließlich an und quetschen uns samt Gepäck in seinen Wagen.Während wir noch im Dunkeln aus dem Bahnhof kamen, dämmerte es jetzt schon. Trotzdem war es verdammt früh und wir näherten uns unserem Ziel sehr schnell.Während wir noch im Dunkeln aus dem Bahnhof kamen, dämmerte es jetzt schon. Trotzdem war es verdammt früh und wir näherten uns unserem Ziel sehr schnell.Die Warterei bestand aus Kurzschlaf und zwischendurch aus dem Kampf gegen Selbigen und kleinen Spaziergängen im Flughafengebäude. Der Warteraum war gut gefüllt.
Die Warterei bestand aus Kurzschlaf und zwischendurch aus dem Kampf gegen Selbigen und kleinen Spaziergängen im Flughafengebäude. Der Warteraum war gut gefüllt.
So stehen wir unschlüssig auf dem Bahnhofsvorplatz herum und werden dabei mehrfach von Privattaxi-Fahrern angesprochen. Einer von ihnen spricht uns ein zweites Mal an und betont, er würde uns zum Tagtarif fahren, was billiger sei, als der (noch geltende) Nachttarif. Er dachte wohl, wir zaudern wegen des Preises. Wir nehmen sein Angebot schließlich an und quetschen uns samt Gepäck in seinen Wagen.

Wir ordern: "Direkt zum Flughafen Scherementewo." Eine Stadtrundfahrt im Taxi hatten wir ja schließlich schon auf der Hinreise gehabt. So fuhren wir durch die menschenleere Stadt. Während wir noch im Dunkeln aus dem Bahnhof kamen, dämmerte es jetzt schon. Trotzdem war es verdammt früh und wir näherten uns unserem Ziel sehr schnell.

Wir kamen am Flughafen zusammen mit den ersten Sonnenstrahlen an, bezahlten den Taxifahrer und betraten den Flughafen. Seit der weltweiten Terrorismushysterie sind auch in Russland einige Sachen verschärft worden (Sie Beitrag über Hinreise - Kazaner Bahnhof). Daher musste man schon durch eine Sicherheitskontrolle, um das Flughafengebäude überhaupt betreten zu können. Dann suchten wir uns ein paar Sitzplatze im Wartebereich vor dem Abflug.

Die Warterei bestand aus Kurzschlaf und zwischendurch aus dem Kampf gegen Selbigen und kleinen Spaziergängen im Flughafengebäude. Der Warteraum war gut gefüllt. Die Stunden vergingen schleppend langsam. Doch irgendwann erschien dann auch unser Flug (Aeroflot nach Berlin) auf dem Tableau. Wir begaben uns schon bald darauf zum Check-In, um die obligatorischen Prozeduren hinter uns zu bringen und im Abflugbereich weiter zu dösen.

Diese Prozeduren waren aber auch langwierig und kamen nur langsam voran, da die Schlange sehr lang war. Gleichzeitig beobachteten wir, wie am Check-In nebenan ein Flug in die USA abgefertigt wurde, wo alles noch verschärfter ablief. Ich glaube, als wir im Abflugbereich ankamen - nach Check-In, Gepäckkontrolle, Passkontrolle, Sicherheits- und Handgepäckkontrolle - war eine weitere Stunde vergangen.

Der Rest lief in gewohnter Weise ab. Im Abflugbereich gab es sogar mehr Shoppingmöglichkeiten. Die Zeit verging schneller und es begann das Boarding. Mit einer kleinen Verspätung ging es in die Luft und nach dem relativ kurzen Flug landeten wir bereit in Berlin. Der Bekannte, bei dem wir unser Auto abgestellt hatten, holte und ab und schon bald befanden wir uns auf der Autobahn in Richtung Bremen - nun ja, es war mittlerweile früher Abend. Als wir ankamen hatten wir wahrlich genug von diesem Tag.

Die Eindrücke der Reise jedoch, würden uns noch lange beschäftigen.

Der letzte Tag im Zug

Johannes und Matze mit Manolis, den sie in Wanderstiefel gesteckt haben.Johannes und Matze mit Manolis, den sie in Wanderstiefel gesteckt haben.Der Zeitplan des Transsib-Zuges 339/340, wie er in jedem Waggon aushängt.Der Zeitplan des Transsib-Zuges 339/340, wie er in jedem Waggon aushängt.
22.08.05: Nadja aus dem Abteil der Jungs ist in Jekaterinburg ausgestiegen. Ihr Platz wurde aber gleich wieder belegt. In der Nacht rollten wir durch den Ural und passierten die Eurasische Grenze. Anders gesagt, wir gingen in Asien zu Bett und erwachten in Europa. Perm, die erste große Stadt im europäischen Teil Russlands verschliefen wir noch. Dann begann unser letzter Tag im Zug.

Auch heute hielt uns Manolis auf Trab. Zum Glück hatte er viele Freunde in verschiedenen Abteilen gefunden, so dass man seine Energie auf mehrere Leute verteilen konnte.

Der Europäische Teil Russland ist anders anzuschauen, als der Sibirische. Es gibt häufiger Dörfer und städtische Siedlungen zu sehen. Die Dörfer wirken traditioneller, die städtischen Siedlungen wirken trostloser als in Sibirien. Es gibt mehr verfallene oder verlassene Industrieanlagen. Ausnahmen bilden größere Städte, bei denen die Randgebiete zwar ebenso trostlos aussahen, aber im Stadtzentrum vermehrt Anzeichen von Wohlstand und Wachstum zu sehen waren.

Der Zeitplan des Zuges 339/340 veranschaulicht recht gut die wichtigsten Haltepunkte. Neben den Namen der Haltepunkte (von Moskau bis Tschita) ist links der Zeitplan für die Richtung Moskau-Tschita und rechts der Zeitplan für die Richtung Tschita-Moskau amgezeigt. Dazu sieht man die Dauer des Halts, wodurch man auch Einkäufe auf dem Bahnsteig einplanen kann. Natürlich ist nicht jeder kleinere Halt auf diesem Plan angezeigt. Man kann auch erkennen, das es im Umfeld größerer Städte längere Abschnitte ohne Halts gibt, da diese Zonen von den Vorstadtbahnen (Elektritschka) abgedeckt werden.

Weiterhin erkennt man auch, dass wir in Moskau in aller Herrgottsfrühe ankommen werden - um 4:13 Uhr. Das wird hart, zumal wir auch einen langen letzten Reisetag vor uns haben werden. Nur gut, dass wir unsere Ankunft nicht verpassen können, da der Zug ja in Moskau endet. Wir versuchten aber, frühzeitig zur Ruhe zu kommen um mit dem Nachtschlaf nicht zu kurz zu kommen.

Manolis und die Monotonie Mittelsibiriens

Die Zugnummer in einem Fenster unseres Waggons.Die Zugnummer in einem Fenster unseres Waggons.Matthias und Johannes schauen aus dem Fenster ihres Abteils.Matthias und Johannes schauen aus dem Fenster ihres Abteils.Omsk erreichten wir am Vormittag und rollten über den Irtysch.
Omsk erreichten wir am Vormittag und rollten über den Irtysch.
21.08.05: Die Erinnerung an diesen Tag ist nicht mehr wirklich abrufbar - ein Nachteil, wenn man nicht zeitnah ein Tagebuch führt. Nach so langer Zeit ist ein stereotyper Tag im Zug im Gedächtnis kaum haften geblieben. Gut, dass Johannes Tagebuch geführt hat und ich die Gelegenheit habe, seine Sicht der Ereignisse zur Auffrischung zu verwenden.

Dennoch kann nicht wirklich von Ereignissen die Rede sein. Aus Johannes Tagebuch entnehme ich, dass er nicht schlafen konnte und sich daher aus dem Abteil in den Gang verdrückt hatte. Nadja (aus seinem Abteil) ging es scheinbar ebenso und so gesellte sie sich hinzu. Trotz des Sprachproblems vertrieben sie sich die Zeit mit Konversation. Nach Mitternacht rollte der Zug in Novosibirsk ein, wo er über eine halbe Stunde hielt. Diesen Halt nutzten sie zu einem Nachtspaziergang auf dem Bahnsteig.

Während der Morgen graute, rollten wir irgendwo zwischen Novosibirsk und Omsk durch die Mittelsibirische Ebene.
Ich musste an die alte sorbische Sage denken, der zufolge einst der liebe Gott mit seinem himmlischen Pferdegespann und einem riesigen Pflug den Lauf der Spree durch die Landschaft zog. Aber am Spreewald angelangt lauerte ihm der Teufel auf und erlaubte sich einen üblen Scherz, indem er die Pferde erschreckte. Diese scheuten und gingen durch. Dabei wurde der Pflug kreuz und quer durch den Spreewald gerissen und nur mit Mühe gelang es dem lieben Gott, die Pferde wieder zu beruhigen und gemächlich weiter nach Norden zu führen. Die unzähligen Furchen und Gräben aber, die der Pflug hinterlassen hatte, füllten sich mit dem Wasser der Spree und bilden heute die Kanäle des Spreewaldes.
Wenn Gott also mit einem gewaltigen Pflug Flussbetten schuf, so musste er hier, in Westsibirien wohl mit einer gewaltigen Maurerkelle die Landschaft hunderte Kilometer weit glattgestrichen haben.

Diese Monotonie außerhalb des Fensters würde uns also den ganzen Tag begleiten.

Manolis

Anders war es innerhalb des Waggons. Denn da hielt uns ein kleiner Junge auf Trab. Er reiste mit seiner Mutter, ich weis nicht mehr, wohin. Manolis war das Kind einer Russin und eines griechischstämmigen Amerikaners. Dieser war aber nicht mit dabei. Manolis Mutter war mit ihrem Söhnchen allein unterwegs - auf Verwandtenbesuch in Russland.
Nun war Manolis ein Energiebündel und hielt alle in Bewegung, mit denen er sich zuvor angefreundet hatte, so auch unser Abteil und das Abteil von Johannes und Matze. Manolis wurde von seiner Mutter Manolik gerufen - sozusagen eine russische Koseform. Manolis kauderwelschte auf Russisch-Englisch-Griechisch durcheinander und war mitunter wegen seines nicht versiegenden Bewegungsdranges auch anstrengend. Zumindest vertrieb er uns an diesem Tag eine Menge Zeit.

Die Landschaft blieb auch hinter Omsk eintönig und würde es bis Tjumen bleiben. Dort würden wir am späten Nachmittag ankommen. Nadja aus dem Abteil der Jungs bereitete sich auch schon vor, auszusteigen und packte einiges zusammen. Ihr Ziel war Jekaterinburg an der Ostseite des Ural, welches wir nach Moskauer Zeit am späten Abend, aber nach Ortszeit erst gegen Mitternacht errreichen würden.

Ostsibirien adé

In den gestreckten Kurven durch die Taigalandschaft offenbart sich beim Blick aus dem Fenster die Länge des Zuges.In den gestreckten Kurven durch die Taigalandschaft offenbart sich beim Blick aus dem Fenster die Länge des Zuges.Irgendwann überquerten wir den Jennisej, den wasserreichsten Sibirischen Strom und rollten in Krasnojarsk ein.Irgendwann überquerten wir den Jennisej, den wasserreichsten Sibirischen Strom und rollten in Krasnojarsk ein.Ein typischer Bahnübergang, der den Stellenwert einer Verkehrsader, wie der Transsib verdeutlicht: Auch der gottverlassenste Bahnübergang ist beschrankt und meist mit einer Straßenbarriere versehen.
Ein typischer Bahnübergang, der den Stellenwert einer Verkehrsader, wie der Transsib verdeutlicht: Auch der gottverlassenste Bahnübergang ist beschrankt und meist mit einer Straßenbarriere versehen.
20.08.05: Nach der ersten Nacht im Zug begann unser zweiter Tag der Bahnfahrt nach Moskau. Noch immer rollt der Zug durch die westlichen Ausläufer des Sajan. Es ist der Zug 339-340 Tschita-Moskau-Tschita. Trotz seiner relativ hohen Nummer (je höher die Nummer, desto niedriger das Prestige) hat er den Charme eines typischen Transsib-Fernzuges. Es gibt außer den Liegewagen genügend Schlafwagen (Kupé) einen 1.-Klasse-Waggon (Ljuks) und einen Speisewagen. Auch die einheitliche Farbgebung der Wagen zeigt: "Ich bin ein schnuggeliger Fernzug." In den gestreckten Kurven durch die Taigalandschaft offenbart sich beim Blick aus dem Fenster die Länge des Zuges.

Ansonsten ist es typischer Tag im Zug. Es gibt nicht viel zu tun, außer relaxen, Landschaften gucken, relaxen, essen, relaxen.

Johannes und Matthias spielten Karten mit ihren Abteil-Genossen Sergej und Nadja. Sergej war ansonsten mit Fisch essen und Bier trinken beschäftigt. Nadja versuchte sich mit den Jungs zu verständigen und schrieb Johannes sogar eine Widmung ins Tagebuch, die ich mal wie folgt übersetze:
"Nie werde ich die Worte Kartoschka (Kartoffel), Suslik (Zieselmaus) und Burunduk (Streifenhörnchen) vergessen, wie Du sie aussprachst."

Die Mitreisenden unseres Abteils kamen mit uns ebenfalls ins Gepräch. Die ältere Dame arbeitete bei der Miliz in Tschita. Das Gothic-Girl war auch aus Tschita und fuhr zum Studium nach Sankt Petersburg.

Irgendwann überquerten wir den Jennisej, den wasserreichsten Sibirischen Strom und rollten in Krasnojarsk ein.

Händler gab es hier nicht so viele, aber Kioske direkt auf dem Bahnsteig, wo wir natürlich wieder einiges einkauften.

Dann ging es weiter und wurde zunehmend flacher. Wir rollten langsam in die zentralsibirische Tiefeben ein. Gleichzeitig rollten wir in den Abend und in die nächste Nacht, während die Sonne uns im Westen hinter den Horizont davon eilte und die Landschaft in der Dämmerung verschwamm.

Abreise aus Irkutsk

19.08.05 8:00 Uhr: Wieder haben wir eine komfortable Nacht verbracht. Heute geht unser Zug nach Moskau. Er geht nach Moskauer Zeit am späten Vormittag, aber wir kennen das schon. Nach Ortszeit ist dies natürlich erst am Nachmittag. Dennoch hatten wir die Hotelmanagerin gebeten, dies nochmals zu erkunden. Nach einem Telefonat mit dem Bahnhof bestätigte sie dies.

Kleine Reparaturen an einer Sandale und einem Rucksack für ein paar Rubel bei einem chinesischen Flickschuster.
Kleine Reparaturen an einer Sandale und einem Rucksack für ein paar Rubel bei einem chinesischen Flickschuster.
Die späteste Zeit zum Aus-checken für das Hotel war 12:00 Uhr. Wir waren aber schon früher soweit - schon deshalb, weil das Frühstücksbuffet früher schloss. In der Lobby standen jede Menge Koffer. Eine Touristengruppe aus Hamburg sei eingetroffen, sagte man uns. Auch wenn wir noch jede Menge Zeit hatten, beschlossen wir, in die Stadt zu fahren. Die großen Rucksäcke würden wir schon irgendwie mitschleppen.

Mit der Straßenbahn war das alles kein Problem. Wie schon erwähnt zahlten wir 5 Rubel pro Nase und pro Rucksack - Peenuts. Wir stiegen wieder beim Rynok aus mit dem Vorsatz, ein Plätzchen zu suchen, wo man im Schatten sitzen konnte und immer jemand bei den Rucksäcken aufpasst, wären ein Teil der Truppe sich zeitweilig entfernen konnte.

Auf der Suche nach einer schattigen Bank kamen wir an verschiedenen Straßenhändlern vorbei, darunter viele Chinesen. Es waren auch Flickschuster dabei, die ihre Dienste direkt auf dem Bürgersteig anboten. Da kam uns die Idee, einige Sachen in Ordnung bringen zu lassen, ein abgerissener Sandalenriemen und ein Kompressionsgurt an einem der Rucksäcke, der kurz davor war, vollends auszureißen. Der Schuster erledigte das schnell und zuverlässig und verlangte sehr wenig, ich glaube 5 Rubel für den Rucksack und 20 Rubel für die Sandale.

Wir stiegen in die Straßenbahnlinie 1 und fuhren direkt vor's Bahnhofsgebäude.Wir stiegen in die Straßenbahnlinie 1 und fuhren direkt vor's Bahnhofsgebäude.Der Warteraum war durchaus angenehm, wenn auch gut besucht.Der Warteraum war durchaus angenehm, wenn auch gut besucht.An den Kiosken am Bahnhofsvorplatz deckten wir uns noch mit Reiseproviant ein.
An den Kiosken am Bahnhofsvorplatz deckten wir uns noch mit Reiseproviant ein.
Auf der Rückseite des großen Handelsgebäudes fanden wir dann auch eine Bank, die halbwegs im Schatten war und ließen uns nieder. Man saß dort ganz gut, nur wurde man ständig von Bettlern angesprochen. Die Jungs machten sich als ersten auf zum Internetcafe, wo sie recht lange blieben.

Ich stellte fest, dass die Bettler nach einer bestimmten Zeit wiederkehrten, als würden sie regelmäßige Runden machen. Aber nachdem ich einigen was gab, bemerkte ich auch, dass sie mich bei ihren wiederholten Rundgängen nicht mehr ansprachen, sondern nur noch auf andere Leute zugingen.

Nachdem die Jungs zurück waren, machten Regina und ich eine kleine Runde und brachten von irgendwelchen Ständen Getränke und heisse Tschebureki (Teigtaschen mit Fleisch) mit. Sie waren echt lecker und sagten allen zu. Außerdem kaufte Regina noch irgend ein Kraut, was als Tee gekocht wohltuend und heilend sein sollte.

Irgendwann entschlossen wir uns, zum Bahnhof zu fahren und den Rest der Zeit dort zu warten. Wir stiegen in die Straßenbahnlinie 1 und fuhren direkt vor's Bahnhofsgebäude. Die Sonne hatte den Zenit zwar schon überschritten, aber der Nachmittag war erst richtig drückend geworden. So gingen wir zuerst in den Schatten des Bahnsteiges 1. Dort wurden wir aber von Milizionären freundlich, aber bestimmt aufgefordert, wieder zu gehen. Der Aufenthalt auf den Bahnsteigen sei nur vor der Einfahrt des Zuges und während des Halts statthaft. Man habe im Bahnhofsgebäude Warteräume. Also begaben wir uns in einen solchen. Bis zur Zugabfahrt waren es noch etwa 2 Stunden.

Der Warteraum war durchaus angenehm, wenn auch gut besucht. Man musste nur ab und zu in eine andere Halle laufen, um zu sehen, ob der Bahnsteig unseres Zuges schon ausgeschrieben war. Diese werden in Russland üblicherweise erst kurz vor Einfahrt oder Bereitstellung der Züge bekanntgegeben.

An den Kiosken am Bahnhofsvorplatz deckten wir uns noch mit Reiseproviant ein. Eigentlich keine zwingende Notwendigkeit, da man sich während der Fahrt immer verpflegen kann, auf vielfältigste Weise. Aber bei Getränken sollte man bei der Hitze schon einen Vorrat haben.

Irgendwann wars soweit. Der Zug wurde angekündigt und der Bahnsteig bekanntgegeben. Die Massen setzten sich in Bewegung. Es war der Zug Nr. 339-340 Tschita-Moskau. Wir waren doppelt gespannt - einmal, ob man in einem Zug mit so hoher Nummer (wo ausländische Touristen viel seltener mitfahren) unser Eurodomino-Ticket anstandslos akzeptieren wird und zum Zweiten, wie wir platziert werden, da auf unseren Tickets keine festen Plätze angegeben waren (siehe auch Beitrag zum Ticket-Kauf).

Aber es lief alles problemlos, wenn gleich auch hier wieder unsere Tickets Neugier und Fragen aufwarfen und zwischen den Prowodnitsas herumgereicht wurden. Mit den Plätzen hatten wir das Pech, auf zwei verschiedene Abteile aufgeteilt zu werden, was sich aber im Nachhinein nicht als so schlimm herausstellte. Wir waren mit Regina in einem Abteil, wo bereits eine ältere Dame und eine Studentin im Gothic-Look waren. Johannes und Matze kamen in ein Abteil mit einem jungen blonden Mädchen und einem anfänglich etwas brummeligen Bisnesmen (businessman). Man hatte den Eindruck, er hatte Hoffnung auf einen romantischen Abend allein mit der Blondine im Abteil. Aber er taute irgendwann auch auf. Gewohnheitsgemäß merken wir kaum, wie der Zug sich in Bewegung setzte, während wir damit beschäftigt waren, uns einzurichten.

So rollten wir wieder mal in den Abend und irgendwann in die Nacht, diesmal der untergehenden Sonne hinterher. Wir machten es uns recht bald bequem und unterhielten uns noch ein wenig mit unseren Mitreisenden, während Johannes und Matthias noch mal zum Speisewagen tigerten um Bier zu holen: Durch insgesamt 35 Schiebetüren, die sie gezählt hatten.

Ein Tag in Irkutsk

18.08.05 8:00 Uhr: Nach der Nacht im Hotel gab es ein hoteltypisches Frühstück vom Frühstücksbuffet. Man spürte, dass das Hotel relativ neu war und bemüht, sich zu etablieren. Alle waren zuvorkommend und höflich. Die Hotelmanagerin beantwortete uns geduldig unsere Fragen: Wo kann man Geld tauschen?, Wie kommt man am besten ins Stadtzentrum?... und so weiter.

In der Nähe des Marktes (Rynok) stiegen wir aus. Die Irkutsker Innenstadt war geprägt von einem Mix aus alten sibirischen Holzhäusern und moderneren Neubauten.In der Nähe des Marktes (Rynok) stiegen wir aus. Die Irkutsker Innenstadt war geprägt von einem Mix aus alten sibirischen Holzhäusern und moderneren Neubauten.Die Reihen der alten Holzhäuser vor dem Rynok waren in ihrer Vielfalt und Anzahl sehr beeindruckend, auch wenn so manches Häuschen in erbärmlichem Zustand war.Die Reihen der alten Holzhäuser vor dem Rynok waren in ihrer Vielfalt und Anzahl sehr beeindruckend, auch wenn so manches Häuschen in erbärmlichem Zustand war.Vor den Stufen zur Aussichtsterasse an der Angara mit einer russisch-orthodoxen Kirche im Hintergrund.
Vor den Stufen zur Aussichtsterasse an der Angara mit einer russisch-orthodoxen Kirche im Hintergrund.
Geld tauschten wir schließlich in dem Außenhandelszentrum nebenan, wo es auch eine Bankfiliale gab. Dann ging es in die Stadt, und zwar mit der Straßenbahn. Die Verbindung war perfekt. Die Linie 3 hatte ihre Endhaltestelle direkt vor dem Hotel und führte ins Stadtzentrum vor den Zentralmarkt. Beeindruckend waren die Preise, 5 Rubel pro Person, was so etwa 20 Euro-Cent entsprach. Ein großer Rucksack kam allerdings 5 Rubel extra. Aber noch beeindruckender waren die Strafen fürs Schwarzfahren: 25 Rubel, also noch nicht einmal ein Euro - ein Witz.

In der Nähe des Marktes (Rynok) stiegen wir aus. Die Irkutsker Innenstadt war geprägt von einem Mix aus alten sibirischen Holzhäusern und moderneren Neubauten.

Wir schlenderten durchs Zentrum und versuchten, so etwas, wie den zentralen Platz zu finden. Die alten Holzhäuser vor dem Rynok waren in ihrer Vielfalt und Anzahl sehr beeindruckend, auch wenn so manches von ihnen in erbärmlichem Zustand war. Das Viertel mit den Holzhäusern wurde hinter dem Rynok von einem großen Kaufhauskomplex abgelöst. Dahinter begann eine Fußgängerzone mit buntem, geschäftigem Treiben. Hier gab es auch teurere Läden, Cafes und Restaurants und andere private Häuser. Sie waren aus Stein, aber offensichtlich historische Substanz und gut restauriert.

Hinter der Fussgängerzone begannen noch repräsentativere Bauten. Viele davon waren Verwaltungen, oder Banken. Ein Internetcafe fanden wir hier auch. Dann kam ein gestreckter Platz, de sich als Forum bis zum Ufer der Angara erstreckte. Hier waren die regionalen und städtischen Verwaltungssitze. Der Platz war durch Bänke und Grünanlagen aufgelockert, aber dennoch steriler und weniger belebt, als die Gegend von Rynok und Fussgängerzone. Dennoch empfand ich dies nach dem Trubel zuvor als wohltuend. Da die Mittagshitze aufstieg und sich zwischen den Steinfassaden auflud, kauften wir uns ein Eis und relaxten am Rand eines Springbrunnens.

Hier verweilten wir ein ein wenig und schauten von der Terasse über die Angara, wo wir Angler in ihrem Boot beobachteten.Hier verweilten wir ein ein wenig und schauten von der Terasse über die Angara, wo wir Angler in ihrem Boot beobachteten.Schließlich liefen wir vorbei an den Kirchen wieder in Richtung des Geschäftsviertels.Schließlich liefen wir vorbei an den Kirchen wieder in Richtung des Geschäftsviertels.Wir schlenderten über die Fußgängerzone zurück zum Rynok. Hier begegnete uns sogar eine wandelnde Hotdog-Werbung und im Hintergrund ist das Markthallengebäude zu sehen.
Wir schlenderten über die Fußgängerzone zurück zum Rynok. Hier begegnete uns sogar eine wandelnde Hotdog-Werbung und im Hintergrund ist das Markthallengebäude zu sehen.
Dann schlenderten wir zur Angara, vorbei an einigen russisch-orthodoxen Kirchen und der ewigen Flamme zu Ehren der Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges (wie man in Russland der 2. Weltkrieg nennt).

Hier verweilten wir ein ein wenig und schauten von der Terasse über die Angara, wo wir Angler in ihrem Boot beobachteten.

Am anderen Flussufer wurden die Siedlungsformen wieder ländlicher und man sah in den entfernten Hügeln die Stadtgrenze.

Schließlich liefen wir vorbei an den Kirchen wieder in Richtung des Geschäftsviertels. Auf der Freitreppe einer Kirche standen einige ärmlich gekleidete Menschen. Es waren Bettler, die in der Nähe der Kirche auf eine erhöhte Mildtätigkeit der Passanten hofften. Ich gab einigen etwas Kleingeld. Dann liefen wir weiter.

Im Geschäftviertel ließen wir uns schließlich in einem Straßencafe nieder und bestellten Schaschlyk und Becks-Bier. Das war unser Mittagessen - sehr entspannt, fast Bayrisch-Bierzeltmäßig unter großen Sonnenschirmen. Wir verweilten hier recht lange, bis die Jungs zu drängen begannen, man müsse ja nochmal ins Internetcafe.

Also liefen wir den Weg weiter in Richtung Rynok und verbrachten eine weiter Stunde (oder mehr?) im Internetcafe. Auch dieses war (wie auch in Sewerobaikalsk) kein Cafe, sondern eher ein Terminal-Saal - aber ebenfalls extrem preiswert. Hier konnte man auch ein Gefühl dafür bekommen, wie viele ausländische Backpacker doch in Irkutsk so rumlaufen.

Damit war es auch schon wieder Nachmittag und wir schlenderten über die Fußgängerzone zurück zum Rynok. Hier begegnete uns sogar eine wandelnde Hotdog-Werbung. Insgesamt hatte man den Eindruck von mannigfaltigem und prosperierendem Kleingewerbe.

Irgendwann gings mit der Straßenbahn wieder zurück zum Hotel, wo wir den Tag ausklingen ließen. Am nächsten Tag würden wir die Stadt verlassen, wenn auch erst am späten Nachmittag. Nochmals löcherten wir die Hotelmanagerin mit verschiedensten Fragen und bezahlten auch gleich die Hotelrechnung.

Baikal-Epilog: Olchon-Irkutsk

17.08.05 13:00 Uhr: Nachdem das Boot ins Maloje Morje einglaufen ist, sollte es noch fast zwei Stunden dauern, bis es am Südende der hundert Kilometer langen Insel anlegen würde. Nun befand sich der Blick auf die Küste Olchons backbords - eine Steppenlandschaft über der schroffen, felsigen Küste. Gleichzeitig entfernten wir uns etwas von der Westküste mit ihren teilweise bewaldeten Berghängen.

Die Westküste am Nordende des Maloje Morje (kleines Meer) - westlich von Olchon.Die Westküste am Nordende des Maloje Morje (kleines Meer) - westlich von Olchon.Eine von mehreren kleinen bizarren Fels-Eilanden, die der Westküste vorgelagert waren.Eine von mehreren kleinen bizarren Fels-Eilanden, die der Westküste vorgelagert waren.Eine eigentümliche Anlegestelle auf Olchon - ein alter, auf Grund gesetzter Lastkahn, wo Helmut und seine Weggefährten an Land gingen.
Eine eigentümliche Anlegestelle auf Olchon - ein alter, auf Grund gesetzter Lastkahn, wo Helmut und seine Weggefährten an Land gingen.
Im Gegensatz zum Nordbaikal war hier schon "etwas mehr" los. Man sah ab und zu andere Boote und trotz des Überflusses an wilden Landschaften schienen die besiedelten Stellen häufiger zu werden. Wir passierten einige kleine bizarre Fels-Eilande, die der Küste im Westen vorgelagert waren.

So glitten wir an der Steppenlandschaft Olchons dahin, bis am südlichen Ende eine merkwürdige Anlegestelle in Sicht kam. Es war ein altes Frachtschiff, welches am Ufer auf Grund gesetzt wurde. Der alte Rumpf war kurzerhand in ein Pier umgewandelt worden, welches die Kometa nun ansteuerte. Das war das Ziel für Helmut und seine neuen Weggefährten. Sie wollten einige Tage auf Olchon verbringen, bevor sie sich auf den Weg machen würden, um über Irkutsk, Ulan-Ude und die Transmongolische Eisenbahn nach China zu fahren.

Hier gingen sie an Land, nachdem wir uns herzlich von einander verabschiedet hatten. Ihnen stand nach einigen besinnlichen Tagen auf Olchon ja noch eine gewaltige Weltreise bevor. Helmut hat seinen Olchon-Aufenthalt, aber auch die ganze Tour in seinem Eurasia-Blog beschrieben und vor allem reichlich bebildert.

Schon bald ging es weiter und die Kometa durchfuhr die engste Stelle zwischen dem Südende Olchons und der Westküste, wo eine Autofähre die Insel mit dem Festland verbindet. Dann ging es wieder auf den offenen Baikal hinaus. Das nächste Ziel würde Port Baikal sein. Wie wir zwischenzeitlich erfahren hatten, würden wir dort auf ein kleineres Tragflächenboot umsteigen müssen. Aus welchen Gründen auch immer fuhr die große Kometa nicht direkt bis Irkutsk.

Am Pier in Port Baikal. Hier stiegen wir auf ein kleineres Tragflächenboot nach Irkutsk um.Am Pier in Port Baikal. Hier stiegen wir auf ein kleineres Tragflächenboot nach Irkutsk um.Der Schamanenstein (im Wasser vor dem großen Gebäude) ist kaum zu erkennen. Der Legende nach schleuderte der Vater Baikal diesen Felsbrocken seiner Tochter Angara hinterher, als diese ihn für den Recken Jenissej verließ.Der Schamanenstein (im Wasser vor dem großen Gebäude) ist kaum zu erkennen. Der Legende nach schleuderte der Vater Baikal diesen Felsbrocken seiner Tochter Angara hinterher, als diese ihn für den Recken Jenissej verließ.Die beiden Tragflächenboote lieferten sich ein Rennen und im Hintergrund entschwand der Baikal.
Die beiden Tragflächenboote lieferten sich ein Rennen und im Hintergrund entschwand der Baikal.
Irgendwann kam Listwianka in Sicht und man konnte den Angara-Abfluss erkennen. Dann liefen wir in Port Baikal ein, wo es hieß: Aussteigen. Zur Weiterfahrt standen gleich zwei kleinere Tragflächenboote bereit, in welche die Reisenden aus der Kometa einstiegen, aber auch einige Tagestouristen aus Port Baikal. Dann ging es los, vorbei an Listwianka in den Lauf der Angara hinein. Am Schamananstein, den man kaum ausmachen konnte, trieben einige kleinere Boote. Dann ging es in schneller Fahrt nach Irkutsk, wobei sich die beiden Tragflächenboote ein Rennen mit wechselnder Führung lieferten.

In Irkutsk kamen wir recht bald an - am Passagierhafen oberhalb der Angarastaumauer. Oliver und Franziska wurden vom Shuttleservice ihres Hotels abgeholt. Wir hatten es nicht so komfortabel und suchten uns ein Marschroutentaxi ins Stadtzentrum.

Über das Internet (im Internetcafe in Sewerobaikalsk) hatte ich für uns verbliebene vier Leute ein Hostel gebucht, welches in Bahnhofsnähe lag. Wir fanden es auch recht schnell und klingelten an der Tür. Keine Reaktion. Wir drückten uns eine geschlagene Stunde vor dem Haus rum, klingelten immer wieder und befragten Anwohner, ob irgend jemand etwas wüsste. Alles Fehlanzeige, keiner konnte was sagen, keiner wusste etwas. Schließlich resümierten wir, dass das Hostel wohl nicht mehr existiert und dies auf der Internetseite von Hostelworld nocht nicht bekannt war und so liefen wir zum Taxistand am Bahnhof hinunter. Dort bestiegen wir ein Taxi mit der Order zu einer weiteren Hosteladresse zu fahren (dem Angara-Hostel).

Der Passagierhafen von Irkutsk kommt in Sicht. Er liegt oberhalb der Angara-Staumauer.
Der Passagierhafen von Irkutsk kommt in Sicht. Er liegt oberhalb der Angara-Staumauer.
Dort angekommen sah es wieder recht suspekt aus und ich bat den Taxifahrer, zu warten. Es dämmerte bereits und wir wurden unruhig. Aber auch hier wurde uns gesagt, dass das Hostel hier nicht mehr existiere. Nun gab ich dem Taxifahrer die Order, uns zu einem Hotel zu fahren - am Besten nicht zu teuer und nicht zu billig.
Er schlug vor "Hotel Profsojusnaja" (Hotel der Gewerkschaften). Der Vorteil sei, dass in der Nähe noch weitere Hotels zum Ausweichen seien. Also fuhren wir dahin.

Es lag in der Nähe des Flughafens. Auch dort wurden wir enttäuscht. Alles ausgebucht. Also wandte ich mich ans nächste Haus am Platz. Neben einem protzigen Kongresszentrum mit Hotel gab es ein Hotel "Solnyshonik" (Kleine Sonne, oder Sönnchen). Dieses Hotel war in der oberen Etage eines Verwaltungsgebäudes untergebracht und nur durch einen kleinen Eingang mit unscheinbarem Schild zu erkennen. Dort hatten wir Glück.

Ich bezahlte den Taxifahrer und entließ ihn. Dann checkten wir ein. Die Zimmer waren eine Art Appartments mit zwei Zweibettzimmern, einem Flur, Bad und Toilette. Die Zimmer gingen nach hinten hinaus und man hatte den Blick über ein Werkstattgelände in Richtung Flughafen. Nachdem die Unterbringung gesichert war, gingen die Jungs nochmal eine Runde raus (an einen Kiosk, den sie da gesehen hatten) und Regina und ich duschten und schauten dann ein wenig einen deutschsprachigen Fernsehsender, den wir beim Zappen entdeckt hatten.

Baikal-Epilog: Kometa

17.08.05 6:30 Uhr: Die Nacht war etwas kürzer, aber wir waren alle munter und fanden uns pünktlich zum Frühstück ein. Die restlichen Sachen wurden noch gepackt. Gut, dass man bei Sascha zur Morgenwäsche auch in die Banja ausweichen konnte, wo es eine Toilette und warmes Wasser gab, denn bei 11 Personen, die etwa gleichzeitig ins Bad wollen, wird es zwangsläufig eng.

Der Morgen war frisch aber es würde wohl sonnig werden. Die Gruppe sollte mit dem SchTEO-Bus zum Hafen gefahren werden, doch zuerst fuhr Mariasow mit seinem Lada vor. Er schlug vor, mit mir zum Hafen voraus zu fahren - eben wegen des Tumults beim Einsteigen, von dem er bereits am Vorabend gesprochen hatte. Er meinte, ich würde am Anleger schon mal einen vorderen Platz einnehmen, damit nichts schief geht. Ich verabschiedete mich also von Sascha und Nadja, während die anderen ihre Rucksäcke im Hof aneinander stellten und fuhr mit Ewgenij Aleksandrowitsch los.

Matzes Blick schweift in die Ferne. Hinter ihm bleibt Sewerobaikalsk zurück und rechts im Bild entschwindet Nishneangarsk.Matzes Blick schweift in die Ferne. Hinter ihm bleibt Sewerobaikalsk zurück und rechts im Bild entschwindet Nishneangarsk.Beim Blick in Fahrtrichtung sah man nur den offenen Baikal und rechts die Gebirgszüge der Westküste - der Baikalskij Chrebet.Beim Blick in Fahrtrichtung sah man nur den offenen Baikal und rechts die Gebirgszüge der Westküste - der Baikalskij Chrebet.Ein Bild vom mittleren Passagierraum, in welchem wir saßen: Florian möge mir verzeihen, dass ich ihn mit vollen Backen erwischt habe, nachdem er herzhaft in sein Brötchen gebissen hatte.
Ein Bild vom mittleren Passagierraum, in welchem wir saßen: Florian möge mir verzeihen, dass ich ihn mit vollen Backen erwischt habe, nachdem er herzhaft in sein Brötchen gebissen hatte.
Am Hafen angelangt, verstand ich, was er meinte. Am Pier hatte sich bereits eine Menschentraube gebildet - keine geordnete Schlange. Dabei war die Kometa noch nicht in Sicht. Ich stellte mich also bei der Traube hinzu. Mariasow erklärte mir, dass erst die Passagiere mit Tickets an Bord dürfen. Danach würde der Steward die leeren Plätze zählen und diese Anzahl an den Rest der Leute die noch keine Fahrkarten haben, verkaufen. Das Problem sei nur manchmal, trotz vorhandener Tickets durch die Menschentraube zum Steward zu gelangen, meinte Mariasow.

Wenig später sah ich den SchTEO-Bus einrollen und die Gruppe kam mit Rucksäcken bepackt den Pier entlang getippelt. In der Menschentraube erkannte ich auch weitere bekannte Gesichter. Die Irkutsker Truppe, die in der Ajaja-Bucht in den letzten Tagen in unserer Nähe kampierte, war auch dabei.

Irgend jemand rief: "Die Kometa kommt!". Tatsächlich, in der Morgensonne sah man ein Gleißen auf dem Wasser - die Gischtspur der Kometa glitzerte im Morgenrot und kam sehr schnell näher. Nach ihrer Abfahrt in Nishneangarsk kam sie nach etwa einer halben Stunde im Hafen von Sewerobaikalsk an. Leider hatte ich dabei nicht ans Fotografieren gedacht. Helmut war mit der Kamera schneller bei der Hand und erwischte die einlaufende Kometa. Sein kompletter Beitrag zur Kometafahrt (gut illustriert) ist in seinem Eurasia-Blog zu finden.

Nachdem die Kometa angelegt hatte ging es dann doch geordneter zu, als man gedacht hätte. Der Steward rief mehrfach Passagiere mit reservierten Plätzen (also Fahrkarten aus dem Vorverkauf) auf und die Menschentraube ließ solche auch problemlos durch. Wir verabschiedeten uns kurz von Ewgenij Aleksandrowitsch und gingen an Bord. Die Rucksäcke wurden in verschiedenen Ecken gestapelt und die Plätze eingenommen und bald schon ging es los.

Blick von meinem Platz nach vorn zum Durchgang in den vorderen Passagierraum.Blick von meinem Platz nach vorn zum Durchgang in den vorderen Passagierraum.Oliver auf der Raucherplattform (Oder Fotografenlounge?). Nach 150 km weicht die Taiga schon dem Steppenland.Oliver auf der Raucherplattform (Oder Fotografenlounge?). Nach 150 km weicht die Taiga schon dem Steppenland.Genug vom Gucken - Matze und Johannes halten Mittagsschläfchen.
Genug vom Gucken - Matze und Johannes halten Mittagsschläfchen.
Die Kometa war innen, wie ein Passagierjet bestuhlt, nur etwas großzügiger mit mehr Beinfreiheit, dafür aber auch etwas abgenutzter. Es gab drei Passagierräume dieser Art, einer im Vorderschiff mit Panoramablick nach vorn durch eine große verglaste Front, einer im mittleren Bereich, wo auch wir saßen und einen im Achterschiff, wo es auch einen Kiosk gab. Zwischen diesen Passagierräumen gab es Ausgänge zu kleinen offenen Decksplattformen, wo sich die Raucher und Fotografierwütigen trafen. Am Heck gab es auch eine kleine offene Plattform, die etwas windgeschützter war - immerhin fuhr die Kometa mit 50-60 km/h über den Baikal.

Die Kometa hielt sich während der gesamten Fahrt nahe der Westküste. So passierten wir als erstes Baikalskoje, wenig später das Kap Kotelnikowskij und glitten langsam an der Silhouette des Baikalskij Gebirgszuges entlang. Der Ausblick war atemberaubend und das viele Stunden lang. Irgendwann war man gesättigt davon und gab sich einem Schläfchen hin.

Ausser Schlafen und Rausgucken war natürlich auch Essen und Trinken angesagt. Wir hatten zwar alles dabei, aber im Achterschiff gab es auch einen Kiosk, der gut gefragt war. Die zwei Toiletten zwischen Mittel- und Achterschiff waren allerdings etwas wenig für die Anzahl an Passagieren und bildeten öfter einen Engpass.

Man kann sich leicht ausrechnen, wie lange die Fahrt dauern würde. Trotz flotter 50-60 km/h würden wir bis Irkutsk 12 Stunden fahren, wenn man die Halts auf Olchon und Port Baikal berücksichtigt - eine lange Fahrt.

Die heilige Nase erreichen wir nach etwa 3 Stunden. Leider sind wir zu weit von der Ostküste entfernt, um diese eindrucksvolle Halbinsel in ihrer Pracht wahrzunehmen. Auch die Ushkani-Inseln können wir nur erahnen.

Nach 6 Stunden ereichen wir das Nordende von Olchon und fahren zwischen Olchon und der Westküste ins Maloe Morje, das kleine Meer ein.

Baikal-Epilog: Abschied in Saretschnoje

16.08.05 8:00 Uhr: Eine weitere erholsame Nacht in Saschas weichen Betten liegt hinter uns. Das Frühstück - etwas variiert, aber ähnlich wie das Gestrige war wieder schmackhaft und reichlich, so dass man sich fast wieder hinlegen wollte, so satt war man danach. Aber letztlich blieben alle konsequent bei ihren Plänen, wieder nach Sewerobaikalsk zu fahren und den Tag dort irgendwie zu verbringen.

Da heute unser letzter Abend sein würde, planten wir eine kleine Abschiedsfeier in Saschas Haus, wozu wir die russischen Freunde einluden. Bis auf Nadja, die ja bereits nach Irkutsk abgereist war, würden alle kommen. Sascha und Nadja (die Wirtin) schlugen vor, Plow zu machen - dass würde für eine große Truppe wie wir genau das Richtige sein. Es gab aber auch einen anderen Anlass zum Feiern - Franziskas Geburtstag. Sie nahm diese Gelegenheit war, den Anteil der Kosten an der Feier für die russischen Freunde zu übernehmen und den Wein zu spendieren. So würde am Abend also ein Geburtstag und ein Abschied zu feiern sein.

Matze und Johannes waren wieder ausgiebig im Internetcafe und trafen sich später noch mit Ljuba. Mit ihr und mit Franziska gingen sie auch zum Stadtstrand. Die Gruppe um Oliver, Helmut und dessen neue Reisegefährten hatten ähnliches unternommen. Aber alle trudelten beizeiten wieder in Saschas Pension "Sadko" in Saretschnoje ein.

Kasim bereitet den Plow traditionell usbekisch auf offenem Feuer zu.Kasim bereitet den Plow traditionell usbekisch auf offenem Feuer zu.Blick in Saschas Garten - In dem hübschen Pavillon steht Matze.Blick in Saschas Garten - In dem hübschen Pavillon steht Matze.Blick auf die Loggia, in der Oliver, Helmut und Florian (einer von Helmuts neuen Eurasia-Mitreisenden) wohnten.
Blick auf die Loggia, in der Oliver, Helmut und Florian (einer von Helmuts neuen Eurasia-Mitreisenden) wohnten.
Dort stellte Sascha uns Kasim vor, einen Freund des Hauses, der aus Usbekistan stammte und wie uns Sascha offenbarte, den Plow (in anderen Turksprachen auch Pilaw genannt) auf traditionelle usbekische Art bereiten würde. Die Vorbereitungen dazu liefen bereits. Dazu hatten sie im Hof ein offenes Feuer gemacht und es mit ein paar Ziegeln eingefasst. Darauf platzierte Kasim eine große, gusseiserne, wok-ähnliche Pfanne, die er Kassam nannte. Als erstes briet er in etwa einem Liter Pflanzenöl geschnittene Zwiebeln aus, die er danach wieder rausnahm und entsorgte. Dies sei nur zum aromatisieren des Öls, erklärte er. Dann gab er verschiedene Zutaten (Fleisch, Gemüse) hinzu und würzte und briet sie. Schließlich kamen Reis und Wasser hinzu.

Die Prozedur der Zubereitung währte recht lange und Sascha kredenzte zwischenzeitlich immer mal einen Wodka - auch für Matze und Johannes, so dass ich irgendwann mal sagte, es reicht für die beiden. Johannes legte sich schließlich bis zum Abendbrot noch etwas aufs Ohr.

Da war noch eine Sache mit den Tickets für die Kometa (das Tragflächenboot nach Irkutsk), welche am nächsten Morgen gehen würde. Um sicherzustellen, dass wir Plätze bekommen, haben wir in Irkutsk auf Olivers Namen die Tickets kaufen lassen. Dies wurde vom Hotel, welches Oliver in Irkutsk gebucht hatte, gegen einen Aufpreis organisiert. Diese Tickets wurden dem Kapitän übergeben und sollten uns direkt am Pier ausgehändigt werden. Evgenij Aleksandrowitsch Mariasow meinte jedoch, dass am Morgen am Pier im Sewerobaikalsk der Teufel los sei und es besser sei, die Tickets bereits am Abend entgegen zu nehmen, wenn die Kometa von Irkutsk kommend in Nishneangarsk angelegt hat, wo sie über Nacht liegen würde. Dazu wollte er mich am Abend mit dem Auto abholen, um (die ca. 25 km) nach Nishneangarsk zu fahren.

Doch erst einmal begann unsere Feier. Die russischen Freunde trudelten ein. Und bald fanden sich alle in Saschas Wohnzimmer wieder, wo der Plow serviert wurde. Wir feierten ausgelassen. Aber ich musste schließlich vorzeitig weg, um mit Mariasow wegen der Kometa-Tickets nach Nishneangarsk zu fahren.

Abschlussfeier in Saschas plüschig-gemütlichen Wohnzimmer. Leider musste ich die Feier vorzeitig verlassen, um mit Mariasow wegen der Kometa-Tickets nach Nishneangarsk zu fahren.
Abschlussfeier in Saschas plüschig-gemütlichen Wohnzimmer. Leider musste ich die Feier vorzeitig verlassen, um mit Mariasow wegen der Kometa-Tickets nach Nishneangarsk zu fahren.
Mariasow fuhr einen älteren Lada. Von Saretschnoje ging es erstmal nach Sewerobaikalsk, wo er tankte. Dann fuhren wir weiter nach Nishneangarsk. Es dämmerte bereits. In Nishneangarsk fuhr er direkt ans Pier. Von dort kommend begegneten uns einige Männer. "Da ist der Kapitän, ich erkenne ihn" sagte Mariasow, bremste und sprach ihn an. Der sagte uns, wir mögen zum Schiff gehen und uns an den Steward wenden, er hätte Tickets, die ihnen in Irkutsk übergeben worden seien. Also fuhren wir bis ans Ende des Piers, wo die Kometa lag und gingen zögerlich an Bord. Dort wischte gerade eine Frau den Fussboden und ein Mann wirtschaftete herum. Wir sprachen sie an und erklärten unser Anliegen, während er mit skeptischem Blick zuhörte. Als ich schließlich Oliver Nachnamen nannte, hellte sich sich Blick auf. "Ah, genau der Name steht auf dem Umschlag - hier ist er". Damit übergab er mir die Tickets.

Nachdem wir das Schiff wieder verlassen hatten, trat Evgenij Aleksandrowitsch nachdenklich an die andere Seite der Mole, wo ein ordentlicher Wellengang vom offenen Baikal her anstürmte. "Hoffentlich verstärkt sich das nicht", sagte er, "lass uns zum Baikal beten...". Damit wandte er sich stumm zum offenen Baikal und verharrte ein, zwei Minuten. Dann kramte er in der Tasche und warf eine kleine Münze in die Wellen. Ich tat es ihm gleich. Er nickte und wir gingen zum Auto. Der Rückweg verlief bereits in völliger Dunkelheit und als er mich in Saretschnoje absetzte, war unsere Feier gerade auch zu Ende gegangen. Da wir am nächsten Morgen früh raus mussten begaben wir uns zu Bett. Die Rucksäcke waren bereits gepackt.

Sascha und Kasim allerdings machten sich noch einen ausgelassenen Abend in der Banja und tranken dabei ordentlich Wodka.

Baikal-Epilog: Sewerobaikalsk

15.08.05 8:00 Uhr: Die Nacht in den gemütlichen Zimmern und weichen Betten hatten wir nach den Wochen in der Wildnis natürlich paradiesisch empfunden und so waren wir nach dem Aufstehen bester Stimmung. Das Frühstück war auch wieder großartig und opulent, mit Spiegeleiern, Bliny mit Varenje (Pfannkuchen mit selbstgemachter Marmelade) und Brot mit Aufschnitt.

Johannes hatte allerdings etwas Bauchschmerzen und fühlte sich etwas unwohl. Vom vielen Essen am Vorabend, wie er meinte - aber vielleicht war auch der reichliche Vodka zum Abendbrot Schuld daran. Allerdings hatte er am Tag vor der Abreise aus der Ajaja-Bucht auch schon Übelkeitssymptome. Daher legte er sich nach dem Frühstück noch mal hin, während wir im Garten die beiden Zelte aufstellten, damit sie nochmal richtig abtrocknen konnten. Nadja stellte gegen einen kleinen Extra-Obulus ihre Waschmaschine zur Verfügung und fast jeder nutzte die Gelegenheit, ein paar Sachen zu waschen.

Eine Straße im alten Barackenviertel der BAM-Erbauer, wo sich auch das SchTEO befindet.Eine Straße im alten Barackenviertel der BAM-Erbauer, wo sich auch das SchTEO befindet.Hinter dem Bahnhof gehts über eine Fusgängerbrücke, die die Gleise übespannt, weiter in Richtung Stadtstrand.Hinter dem Bahnhof gehts über eine Fusgängerbrücke, die die Gleise übespannt, weiter in Richtung Stadtstrand.Der Stadtstrand von Sewerobaikalsk - allerdings war dies wahrlich kein Badetag.
Der Stadtstrand von Sewerobaikalsk - allerdings war dies wahrlich kein Badetag.
Irgendwann am späten Vormittag traf dann einer nach dem anderen im SchTEO ein. Dort trafen wir Aljona und die russischen Campteilnehmer wieder. Für den GBT füllten wir Fragebögen aus, auf denen wir unser Camp bewerteten. Nebenbei unterhielten wir uns über dies und jenes und es verflog die Zeit. Schließlich verabschiedete sich einer nach dem anderen und wir machten uns in verschiedenen Gruppen auf ins Stadtzentrum. Es gab verschiedene Dinge zu erledigen, wie Essen, Einkaufen, Geld tauschen und das Internetcafe aufsuchen, was man in Zentrum von Sewerobaikalsk alles in einem Radius von 5 Weg-Minuten erledigen konnte.

Die Jugend blieb noch eine ganze Weile im Internet-Cafe und gind anschließend nochmal in ein richtiges Cafe, während Regina und Ich zum Stadtstrand spazierten. Das war ein Fußmarsch von 15-20 Minuten - erst zum Bahnhof, dann über die Fußgängerbrücke, die die Gleise überspannt und schließlich noch ein Stück durch einen Waldstreifen bis ans Ufer. Dieser Tag war wahrlich kein Badetag. Daher schlenderten wir am Ufer entlang in Richtung Hafen und kehrten nach einigen hundert Metern wieder um.

Nachdem wir zurück zum zentralen Platz geschlendert waren, stiegen wir in ein Marschroutentaxi (eine Kleinbus, der eine festgelegte Strecke fährt und bei Bedarf, wie ein Taxi angewunken werden kann - die Fahrt kostete im Stadtbereich 8 Rubel). Es war inzwischen später Nachmittag und auf uns wartete, wie bereits am Tag zuvor Saschas Sauna.

Johannes und Matze im Tauchbecken - die Linse des Fotoapparates beschlägt bereits.Johannes und Matze im Tauchbecken - die Linse des Fotoapparates beschlägt bereits.Oliver und Ich im Relax-Raum der Sauna - Bald kommt der Vertreter für Baikal-Duftöle.Oliver und Ich im Relax-Raum der Sauna - Bald kommt der Vertreter für Baikal-Duftöle.Nach dem letzten Saunagang gönne ich mir ein Bier.
Nach dem letzten Saunagang gönne ich mir ein Bier.
In der Sauna hielten wir uns bestimmt einige Stunden auf. Neben der Sauna, die nach allen Regeln der Kunst als russische Banja angelegt war und dem obligatorischen Waschbereich und Tauchbecken gab es noch einen Aufenthaltsraum, der mit Kunstvollen Holzschnitzereien verziert war. Dort gönnte ich mir nach den Saunagängen noch ein Bierchen.

Während wir noch in der Sauna waren, stellte sich Besuch ein, ein von Aljona vermittelter - ja nennen wir ihn mal so: freischaffender Düfte-Hersteller, der aus einheimischen Pflanzen ätherische Öle in Handarbeit herstellt. Da vor allem die Frauen, Franziska und Regina daran Interesse hatten kam er nun und präsentierte seine Öle. Aufgrund des knappen Timings einigten wir uns darauf, dies im Ruheraum von Saschas Sauna zu machen. Doch schließlich meinten auch einige der Jungs, dass so eine Ampulle Original-Öl aus der Baikalregion, von Hand gewonnen, ein schönes Souvenir sei und kauften ebenfalls etwas. Es gab zu jedem Fläschchen auch eine Art Beipackzettel mit entsprechenden Verwendungstipps.

Schließlich rief und Wirtin Nadja voller Ungeduld zum Abendbrot, da sie wieder Warmes zubereitet hatte, was kalt zu werden drohte.

Es wäre noch zu erwähnen, dass weitere vier junge Leute zu uns gestoßen waren (ich weiß leider nicht mehr genau, ob an diesem Tag oder bereits am Tag zuvor), welche mit Helmut eine große Eurasien-Reise antreten wollten, die im wesentlichen per Zug bis Schanghai und über Zentralasien zurück nach Europa führen sollte. Diese Reise war ein Planungs-Genie-Streich von Helmut und den Link zu seiner großen Eurasia-Tour möchte ich niemandem vorenthalten.

Regina und Ich hatten für heute genug und begaben uns langsam zur Ruhe, während Matthias und Johannes sich nochmal mit den Sewerobaikalsker Freunden trafen um Nadja und Semjon (Aljonas jüngerer Bruder) zum Zug nach Irkutsk zu begleiten.

Ecopatrol Ende - Die Zivilisation hat uns wieder

14.08.05 16:00 Uhr: Wir nähern uns Sewerobaikalsk. Beim Einlaufen in den Hafen sind alle wieder putzmunter. Nur etwas fröstelnd nach dem Schläfchen an Bord stehen einige an der Reeling. Wir werden am Pier empfangen.

Beide Mariasows sind da und wir sehen einen orangefarbenen Bus am Ende des Piers. Es ist der SchTEO-Bus (SchTEO: Schule für Tourismus und Ökologische Bildung). Einige Eltern der Sewerobaikalsker Teilnehmer sind auch da und begrüßen ihre Kinder, aber auch uns herzlichst. Nun beginnt ein emsiges Treiben, wobei allen wieder warm wird. Das Gepäck und die Ausrüstung wird von Bord geladen und zum Bus geschleppt. Dann heißt's "Aufstellung nehmen zum Gruppenfoto. Die Zivilisation hat uns wieder!

Dann heißt es: Aufstellung nehmen zum Gruppenfoto. Die Zivilisation hat uns wieder!
Dann heißt's "Aufstellung nehmen zum Gruppenfoto. Die Zivilisation hat uns wieder!
Dann steigen alle in den Bus und es geht in Richtung SchTEO. Mir wird das merkwürdige Gefühl stehts in Erinnerung bleiben, welches ich empfand, als ich nach diesen zwei Wochen erstmals wieder Autoverkehr sah. Obwohl in Sewerobaikalsks wirklich nicht viel Verkehr ist, kam es mir einfach unwirklich vor.

im SchTEO hieß es dann nochmal ausladen. Dann kam ein herzlicher Abschied und Mariasow offenbarte uns, er hätte ein nettes Hotel, eine Art Pension für uns aufgetrieben, wo man uns schon erwartet. Also ging es nochmal mit dem Bus ein Stück weiter - nach Außerhalb. Unser Ziel war eine Eigenheimsiedlung auf der anderen Seite des Tyja-Flusses: Saretschnoje (Zarechnoye). Dort fuhren wir noch bis ganz ans Ende dieser Siedlung, wo hinter ein paar versteuten Weideflächen bereits wieder die Wildnis begann. Unser Ziel war erreicht. Eine Holzvilla die uns auf Anhieb gefiel.

Unser Ziel war erreicht. Eine Holzvilla die uns auf Anhieb gefiel.
Unser Ziel war erreicht. Eine Holzvilla die uns auf Anhieb gefiel.
Hier lernten wir Sascha Kropatschjow und seine Frau Nadeschda kennen, unsere Gastgeber. Das Haus hatte zwei Etagen. In der Oberen befanden sich vier Zimmer und eine verglaste Veranda, die im Sommer ebenfalls als Gästezimmer genutzt wurde. Unten waren Diele, Küche, Wohnzimmer, und die Räume der Gastgeber. Über den Hof gab es eine hervorragende Sauna. Nach den Worten von Sascha, der ein begeisterter Saunagänger ist, die Beste in Sewerobaikalsk. Er bot sie uns auch gleich zur Nutzung an. Sascha ist wirklich eine Plaudertasche. Mit Oliver versuchte er dann noch, seine angestaubten Französischkenntnisse zu trainieren - armer Oliver. Alles in allem waren wir aber glücklich angekommen und hatten einen Abend mit Komfort in höchster Vollendung, der nach einem opulenten Abendbrot mit Saschas Begrüßungswodka in weichen, bequemen Betten endete.

(Mehr über Saschas Pension hier)

Ecopatrol Tag 13 - Zitterpartie bis zum Finale

14.08.05 7:00 Uhr: Da wir am Morgem keine besonderen Verpflichtungen haben, stehen wir eher spät auf. Bis auf die Ungewissheit der Rückreise sind wir ziemlich gelassen. Es hatte wieder geregnet in der Nacht und war recht frisch an diesem Morgen. Trotzdem hatten zwei Männer aus der Irkutsker Truppe bereits im Baikal gebadet - harte Burschen - und waren gerade dabei, das Kochfeuer zu entfachen. Wir würden sie mit dem Kochen vorlassen.

Der Franzose mit dem aufblasbaren Kajak und sein Sherpa aus Sewerobaikalsk kamen auch bald aus ihren Zelten und begannen, für den Aufstieg zum Frolicha-See zu packen. Irgendwann waren sie soweit, verabschiedeten sich und zogen los.

Das gecharterte Minikreuzfahrtboot lag ebenfalls noch in der Bucht. Wann der sportliche Geschäftsmann seine Wanderung von Chakusy beendet hatte und in der Ajaja eintraf, haben wir nicht mitbekommen, aber auf dem Boot war noch nicht viel zu sehen. Nur der Skipper war an Land gekommen und streunte durch das Unterholz am Ufer auf der Suche nach Zedernzapfen (Zapfen der sibirischen Zirbelkiefer, deren Kerne essbar sind, ähnlich den Pinienkernen). Wir entschlossen uns, ihn wegen einer Mitreisegelegenheit anzusprechen.

Das Boot lief aus und verließ die Ajaja-Bucht. Dies war nun der entgültige Abschied. Alle hatten sich am Achterschiff versammelt und schauten zurück.Das Boot lief aus und verließ die Ajaja-Bucht. Dies war nun der entgültige Abschied. Alle hatten sich am Achterschiff versammelt und schauten zurück.Der Wind auf dem See war frisch und die Wolken vermittelten eine düstere Stimmung. Die Berge hinter der Ajaja wirkten dunkel und bedrohlich.Der Wind auf dem See war frisch und die Wolken vermittelten eine düstere Stimmung. Die Berge hinter der Ajaja wirkten dunkel und bedrohlich.Das einzige Fahrzeug in Chakusy: Ein Trekker-artiges Fahrzeug, ein sogenannter Geräteträger.
Das einzige Fahrzeug in Chakusy: Ein Trekker-artiges Fahrzeug, ein sogenannter Geräteträger.
Gesagt, getan - wir sprachen ihn an und schnell entwickelte sich eine Preisverhandlung. Ich argumentierte, dass ich keinen Spielraum beim Geld hätte, da unsere Überfahrt bereits anderweitig bezahlt wurde und bot ihm maximal 120 Dollar. Ich erklärte, seine Fahrt sei ja ebenfalls schon bezahlt und unser Obulus wäre für ihn "add on" - ein Zuverdienst. Er müsse nur seine Charterkunden fragen, ob sie etwas dagegen hätten. Wir waren aber in dieser Frage zuversichtlich, da sich unsere Schweizer Franziska und Oliver, die beide Französisch sprechen, bereits am Vorabend mit einigen der Franzosen unterhalten hatten und unsere Lage schilderten. Wir hofften also auf deren Verständnis.
Der Skipper schien darauf einzugehen, wollte aber nochmal Rücksprache nehmen. Wir warteten. Doch dann erschien er wieder und begann neu zu verhandeln. Verschiedenste Gründe brachte er nun hervor, warum es auf einmal problematisch war, bis hin zur Anzahl der Personen: 12 Personen seien über der zulässigen Anzahl und der Kapitän risikiert somit sein Patent.

Schließlich gab es auch einen Preis, mit dem dieses Risiko bezahlt werden sollte: 400 Dollar. Eigentlich wäre das immer noch eine annehmbare Summe für solch eine Überfahrt, aber einerseits war es nicht akzeptabel, in einer Preisverhandlung eine "mehr als Verdreifachung" hinzunehmen und andererseits meinte Tanja, wir sollten das GBT-Budget nicht mit einer solchen Ausgabe belasten. Aljona würde bestimmt ein anderes Boot auftreiben. Also gingen wir darauf nicht ein, konnten uns aber mit dem Skipper darauf einigen, einen von uns nach Sewerobaikalsk mitzunehmen, damit derjenige unsere Lage bei Aljona klarmachen konnte. Die Wahl viel auf Andrej. Gegen Mittag lief das Boot schließlich aus - mit Andrej an Bord, der etwas unglücklich dreinschaute.

Wir aber warten weiter, warteten Stunden bis schließlich wieder ein Boot Kurs auf das Ufer nahm. Als es sich dem Ufer näherte - es war wieder ein Boot der Jaroslawets-Klasse - erkannten wir am Bug Aljona und wer stand da neben ihr? - Andrej!

Der Kutter lag am Anleger und wartete. Die Luft war heute frisch und klar, sodass man die andere Seite des Sees sehen konnte, den Gipfelzug des Baikalskij Chrebet.Der Kutter lag am Anleger und wartete. Die Luft war heute frisch und klar, sodass man die andere Seite des Sees sehen konnte, den Gipfelzug des Baikalskij Chrebet.Vor der Silhouette des Bargusinskij Chrebet im Osten, der durch die Wolkenformationen umso beeindruckender wirkte, entstand diese Foto (Oliver, Aljona, Franziska und ich v.r.n.l an der Reeling)Vor der Silhouette des Bargusinskij Chrebet im Osten, der durch die Wolkenformationen umso beeindruckender wirkte, entstand diese Foto (Oliver, Aljona, Franziska und ich v.r.n.l an der Reeling)Tanja und Andrej unter Deck: satt, kuschelig warm und müde.
Tanja und Andrej unter Deck: satt, kuschelig warm und müde.
Natürlich waren wir diesmal mehr als abreisebereit. Allemann waren am Ufer. Das Gepäck war ladebereit aufgereiht. Kaum war der Steg ausgelegt sprang Andrej hinab und wir brachten emsig das Gepäck an Bord. Dass dies unser Boot war, stand außer Zweifel. Es war ein Boot der Fischereiaufsicht. Aljona begrüßte alle herzlich. Nur mich schaute sie bei der Begrüßung etwas verlegen an. Sie meinte wohl, ich könnte sauer sein, weil nunmehr zum zweiten mal die Abreise schief gelaufen war.

Das Boot lief aus und verließ die Ajaja-Bucht. Dies war nun der entgültige Abschied. Alle hatten sich am Achterschiff versammelt und schauten zurück.

Das Boot nahm jedoch erst noch Kurs Richtung Süden mit dem Ziel Chakusy. Es gab weitere Passagiere, die einen Kurzausflug dorthin machten. Auch Ausländer, darunter eine Östereicherin, waren an Bord.

Der Wind auf dem See war frisch und die Wolken vermittelten eine düstere Stimmung. Die Berge hinter der Ajaja wirkten dunkel und bedrohlich. Doch bis Chakusy erwischten wir dann doch noch einen heiteren Himmelsabschnitt.

In Chakusy lag der Kutter etwa 2 Stunden, Zeit in der die Tagesgäste den Ort erkunden und ein kurzes Bad in den heissen Quellen nehmen konnten. Wir unternahmen auch einen kleinen Spaziergang. Da kam mir noch eine Kuriosität vor's Objektiv, das einzige Fahrzeug in Chakusy: Ein Trekker-artiges Fahrzeug, ein sogenannter Geräteträger.

Während dessen lag der Kutter am Anleger und wartete. Die Luft war heute frisch und klar, sodass man die andere Seite des Sees sehen konnte, den Gipfelzug des Baikalskij Chrebet.

Schließlich war Abfahrt und es ging entgültig in Richtung Sewerobaikalsk mit Kurs Nord-Nordwest. Eine Fahrt von 3 Stunden stand uns bevor. Bei einem Blick zurück sahen wir die Silhouette des Bargusinskij Chrebet im Osten, der durch die Wolkenformationen umso beeindruckender wirkte.

Über Deck wurde es mit der Zeit kalt und unter Deck wurden wir müde. Einige schliefen schon bald. Aljona überraschte uns allerdings noch mit einem Picknick unter Deck mit einer großen Wassermelone als Nachtisch. Danach machten es sich alle in der Kajüte bequem.

Die Maschinen liefen mit voller Kraft und trugen uns dem Ende unseres Projektes "Ecopatrol Ajaja" in Sewerobaikalsk entgegen.

Ecopatrol Tag 12 - verdammter Jermak

13.08.05 5:30 Uhr: Regina und ich sind im Begriff, aufzustehen und die Lage zu peilen, da ertönt vom Wasser her ein Nebelhorn. Es kommt mir bekannt vor. Der Kutter namens "Jermak" - genau der mit dem merkwürdigen Skipper - kündigt auf diese Weise stehts sein Auslaufen oder Einlaufen an. Ich laufe ein Stück in Richtung Bucht, bis ich einen Blick aufs Wasser bekomme und tatsächlich, der Jermak läuft das Ufer an. Schnell laufe ich zum Camp zurück und rufe: "Das Schiff läuft ein! Allemann aufstehen und packen!" Dann laufe ich wieder zum Ufer, um zu klären, ob es wirklich unser Boot ist.

Es ist unser Boot. Nachdem es angelandet ist und den Laufsteg ausgelegt hat, spreche ich den Skipper darauf an. Es bestätigt sich, dass es uns abholen soll. Dennoch habe ich wieder Kommunikationsprobleme mit diesem Typen. Er faselt einfach dummes Zeug und geht auf meine Frage nicht ein. Ich merke auch, dass er nach Alkohol stinkt.

Ich: "Seid ihr das Boot für die GBT-Volunteure?"
Skipper:"Wollt ihr Volunteure diesmal zahlen?"
Ich: "Wieso zahlen? Der Transport ist bestellt und soweit ich weiß, bezahlt der GBT in Sewerobaikalsk dafür."
Skipper:"Also wollt ihr nicht zahlen?!"
Ich: "Wie gesagt, kläre die Bezahlung mit Aljona?"
Der Skipper ließ von dem Thema jedoch einfach nicht ab und ich wurde missmutig und sagte: "Entweder seid ihr für uns gechartert oder nicht! Wenn Du soweit bist, mir eine klare Antwort zu geben, findest Du mich in unserem Camp!". Ich machte mich daraufhin auf, dass Boot zu verlassen.
Nun rief er mir hinterher: "Heh warte, wir fahren zu den Sludjanka Seen!" Da fühlte ich mich vollends auf den Arm genommen und stapfte wütend mit den Worten davon:
"Du machst wohl Witze! Wenn Du wieder klar denken kannst, komm zum Camp und sag Bescheid!".

Leider wahr dies wohl ein großes Missverständnis. Die Fahrt sollte tatsächlich zu den Sludjanka-Seen (am gegenüberliegenden Ufer des Baikal) gehen. Es sollte wohl eine Überraschung von Aljona sein, weil wir einen Tag früher von der Ajaja-Bucht zurückfahren sollten. Das konnte ich natürlich nicht wissen und nach dem hässlichen Disput mit dem Skipper dachte ich einfach, der verarscht mich.

Im Camp trieb ich dann den Abbau und das Packen voran, was man vom Ufer aus wegen des Unterholzes nicht sehen konnte. Es war ein feuchter und trüber Morgen und in der Nacht hatte es geregnet. Es war also recht widrig für einen schnellen Campabbau.

Der Skipper war wohl zu stolz, um ins Camp zu kommen und ich war zu stolz um zum Ufer zu gehen. Nach zirka 45 Minuten bat ich Nadja und Tanja, zum Boot zu gehen und dem Skipper mitzuteilen, dass das Camp nun weitestgehend abgebaut sei und wir in einer Viertelstunde bereit seien, an Bord zu kommen. Die Mädchen gingen los, doch in diesem Augenblick ertönte das Nebelhorn. Kurz darauf kamen sie zurück und sagten, dass das Boot bereits ausläuft. Verdammter Jermak! Später würde er erzählen, er habe anderthalb Stunden vergeblich gewartet und sei dann ohne uns gefahren.

Uns blieb an diesem Tag nur der Blick hinaus auf die verlassene Ajaja-Bucht bei verhangenem Himmel. Unser Blick haftete an der 4,6 km entfernten Landzunge um ein Boot zu entdecken, welches zum Vorschein käme und Kurs aufs Ufer nehmen würde.Uns blieb an diesem Tag nur der Blick hinaus auf die verlassene Ajaja-Bucht bei verhangenem Himmel. Unser Blick haftete an der 4,6 km entfernten Landzunge um ein Boot zu entdecken, welches zum Vorschein käme und Kurs aufs Ufer nehmen würde.Wie belämmert liefen wir am Strand herum und waren ratlos. Die Rückfahrt war nun ins Ungewisse gerückt.Wie belämmert liefen wir am Strand herum und waren ratlos. Die Rückfahrt war nun ins Ungewisse gerückt.Als immer klarer wurde, dass sich die Überfahrt heute erledigt hatte, richteten wir das Lager nochmal ein, allerdings auf Abruf - die meisten Sachen blieben gepackt.
Als immer klarer wurde, dass sich die Überfahrt heute erledigt hatte, richteten wir das Lager nochmal ein, allerdings auf Abruf - die meisten Sachen blieben gepackt.
Wir saßen also wieder fest. Der einzige Trost war, das wir eh einen Tag zu früh mit der Rückfahrt waren. Das Wetter widerum war trüb und kalt. Dies würde wohl ein Frusttag werden.

Wie belämmert liefen wir am Strand herum und waren ratlos. Die Rückfahrt war nun ins Ungewisse gerückt. Uns blieb an diesem Tag nur der Anblick des unwirtlichen Sees mit Sicht hinaus auf die verlassene Ajaja-Bucht bei verhangenem Himmel. Unser Blick haftete an der 4,6 km entfernten Landzunge um ein Boot zu entdecken, welches zum Vorschein käme und Kurs aufs Ufer nehmen würde.

Zumindest konnten wir nun doch richtig Frühstück machen und wie gewohnt Tee und Kascha kochen - wenigstens was!

Als immer klarer wurde, dass sich die Überfahrt heute erledigt hatte, richteten wir das Lager nochmal ein, allerdings auf Abruf - die meisten Sachen blieben gepackt.

Die Irkutsker Truppe, welche in der Nähe kampierte, war nun auch beim Frühstücken. Der Großteil von ihnen wollte heute zum Frolichasee wandern. Sie brachen recht bald auf und ließen drei ihrer Leute am Camp zurück, zwei von ihnen waren die Kinder von älteren Gruppenmitgliedern - echte Stadt-Teenager, die keine Lust zum Wandern hatten.

So verging dieser Tag. Die Wanderer kehrten zum Abend wieder ins Camp zurück und ein Schiff lief in die Bucht ein. Es war ein Kutter der Jaroslawets-Klasse, welches zum Minikreuzfahrtschiff umgebaut war. Es war von einer Gruppe um einen französischen Geschäftsmann gechartert worden. Dieser war, wie seine Leute berichteten, wohl auf einen Tagesmarsch von Chakusy zur Ajaja aufgebrochen und wollte hier wieder an Bord gehen. Nun lag das Boot hier vor Anker und wartete auf ihn.

Natürlich zogen wir es in Betracht, mit diesem Schiff mitzukommen. Es sollte am nächsten Morgen auslaufen und der Parkwächter sagte, er habe mit denen gesprochen. Es sei grundsätzlich möglich.

In der Abenddämmerung bekamen wir weiteren Zulauf. Ein winziger Punkt tauchte auf dem Wasser auf. Ein aufblasbarer Kajak mit zwei Personen. Nach einer ewigen Stunde (Die Ajaja-Bucht hat eine Länge von etwa 4,6 km) kamen sie erschöpft am Ufer an. Es war ebenfalls ein Franzose und sein Scout, eine SchTEO-Guide aus Sewerobaikalsk. Der Guide kannte Jegor und Andrej und der Franzose schloss sich unserer geselligen Runde an, die Dank des Gitarrenspiels der Irkutsker in Gang gekommen ist. Abgesehen von der Ungewissheit im Bezug auf die Rückfahrt war es ein schöner Abend und wir hatten das Gefühl, dass es uns eigentlich gar nicht wegzog von hier.

Ecopatrol Tag 11 - Abschied vom Frolicha See

12.08.05: Gestern ist ein Brief übergeben worden. Tanja hatte mich informiert. Ein handgeschriebener Zettel von Aljona mit neuesten Informationen über unsere Rückfahrt ist mit irgend einem Schiff mitgebracht worden und Tanja ausgehändigt worden. Mit welchem Schiff - vielleicht mit dem Jermak, ich weiß es nicht mehr genau. Auf jeden Fall war die wichtigste Aussage:

Heute wird der letzte Tag an der Ajaja und am Frolicha See sein, denn morgen in aller Frühe - also einen Tage früher, als ursprünglich geplant - wir uns ein Boot abholen. Keine Uhrzeit wurde genannt. Es stand nur: früh am Morgen.

Helmut und ich am unteren Auslauf des Frolicha-Sees.Helmut und ich am unteren Auslauf des Frolicha-Sees.Trotz der zwei vergangenen Regentage konnte man auch am Frolichasee erkennen, dass die Niederschlagsmenge der letzten Wochen nicht ausreichend gewesen war. Man konnte die trockengefallenen Flächen mit Binsenbewuchs gut erkennen.Trotz der zwei vergangenen Regentage konnte man auch am Frolichasee erkennen, dass die Niederschlagsmenge der letzten Wochen nicht ausreichend gewesen war. Man konnte die trockengefallenen Flächen mit Binsenbewuchs gut erkennen.Hier ließen wir wir uns auf ein paar Geröllbrocken am Ufer nieder, genossen den Ausblick und fotografierten.
Hier ließen wir wir uns auf ein paar Geröllbrocken am Ufer nieder, genossen den Ausblick und fotografierten.
Die meisten unternahmen nach dem Frühstück nochmal eine Wanderung. Der Großteil davon ging wieder in Richtung Frolicha See. Das Wetter war heiter bis wolkig, kein Regen, aber auch nicht zu heiß - ideal zum Wandern. Wir gingen zusammen mit Oliver und Helmut zum See, ohne eine straffe Wanderung unternehmen zu wollen. Einfach nur ein bisschen Zeit an den Gestaden des Frolicha-Sees verbringen, relaxen und die Silhouette der Berge genießen. Nach einer gemütlichen Stunde des Aufstieges waren wir am Ziel.

Am unteren Auslauf des Frolicha-Sees kampierte eine Gruppe, die am Tag zuvor zum See hinaufgezogen war. Die meisten von denen war gerade mit Booten auf dem See unterwegs. Nur ein älterer Mann - ein bärtiger Trappertyp und eine Frau waren im Lager und kochten eine Fischsuppe, eine "Ucha" (engl. Ukha). Der Mann bot uns an, von der Suppe zu kosten und füllte etwas davon als Bouillon in Becher, so dass wir sie (ohne Löffel) trinken und Brot dazu essen konnten. Sie war vorzüglich, aber scharf. Nach ein wenig Small-Talk und einem Dank an die Köche gingen wir ein Stück am Südufer entlang.

Wir passierten die Stelle, wo sich der kleinere Auslaufsee nochmal verjüngt und einen Durchfluss vom eigentlichen großen Frolicha-See zu diesem unteren See bildet. Trotz der zwei vergangenen Regentage konnte man auch am Frolichasee erkennen, dass die Niederschlagsmenge der letzten Wochen nicht ausreichend gewesen war. Man konnte die trockengefallenen Flächen mit Binsenbewuchs gut erkennen und wir mussten an die Waldbrände bei Sewerobaikalsk denken.

Wir zogen weiter am Ufer entlang, bis sich der Blick über den See in Richtung der Berge vollends öffnete.

Hier ließen wir wir uns auf ein paar Geröllbrocken am Ufer nieder, genossen den Ausblick und fotografierten. Das Wechselspiel von Sonne und Schatten, hervorgerufen durch die vorüber ziehenden Wolken, tauchte den See und die Berge in immer wieder anderes Licht und veränderte ständig dessen Stimmung.

Beim Blick über den See konnte man die beiden Inselchen im See gut erkennen. Eine davon trägt den Namen Nishni.Beim Blick über den See konnte man die beiden Inselchen im See gut erkennen. Eine davon trägt den Namen "Nishni".Matthias und Johannes brachten das Feuer in Gang und wie konnte es anders sein, wenn Ljuba mit von der Partie war: es wurden Spiele gespielt.Matthias und Johannes brachten das Feuer in Gang und wie konnte es anders sein, wenn Ljuba mit von der Partie war: es wurden Spiele gespielt.Mit zunehmender Dunkelheit wurde es romantischer und die Ajaja zeigte sich nochmal stimmungsvoll.
Mit zunehmender Dunkelheit wurde es romantischer und die Ajaja zeigte sich nochmal stimmungsvoll.
Beim Blick über den See konnte man die beiden Inselchen im See gut erkennen. Eine davon trägt den Namen "Nishni". Kaum vorstellbar, dass beide Inseln relativ nahe zu unserem Standort lagen und der See dahinter noch mehrere Kilometer weit in die Berge verlief. Die höchten Gipfel hinter dem See waren etwa 2000 Meter hoch.

Wir liefen noch ein wenig weiter am Ufer entlang. Der Pfad verlor sich irgendwann vollends und man konnten nur noch über das Geröll am Ufer vorankommen. Schließlich beschlossen wir, umzukehren.

Wieder zurück im Lager, stellten wir fest, dass wir weitere Gesellschaft bekommen hatten. Eine Gruppe aus Irkutsk hatte ihr Lager unweit von unserem aufgeschlagen und waren mit den üblichen Verrichtungen eines solchen Outdoor-Camps beschäftigt: Lagerfeuer, Essen kochen, Geselligkeit. Wir kamen mit ihnen ins Gespräch -
ein langjährig eingespieltes Team mit Outdoor-Erfahrung, interessante Leute und sie hatten auch eine Gitarre dabei, was der Lagerfeuer-Romantik sehr zuträglich war.

Wir sollten an diesem Abend jedoch eigene Pläne für einen geselligen Abend haben. Das hatten sich Matthias und Johannes überlegt. Da dies außerplanmäßig unser letzter Abend hier werden sollte, haben sie während unserer Abwesenheit direkt am Ufer einen Platz für einen geselligen Abschiedsabend hergerichtet.

Sie haben tagsüber jede Menge Holz gehackt, einen Kreis aus Stämmen zum Sitzen gelegt und die Stätte dekoriert. Es sollte ein gemütliches und geselliges Beisammensein, letzmalig an den Gestaden der Ajaja-Bucht sein. In der Abenddämmerung sollte es losgehen.

Wolodja der Ranger tauchte auch nochmal auf. Auch er sprach von dem Boot morgen früh, welches uns abholen sollte. Auch seine Aussage war vage, er sagte auch nur: "Morgen, ziemlich früh."

Wir wurden nochmal richtig ausgelassen und haben viel gelacht und geblödelt.
Wir wurden nochmal richtig ausgelassen und haben viel gelacht und geblödelt.
Daher hatten wir uns entschlossen, einige Dinge schon zu packen und am nächsten Morgen relativ früh aufzustehen. Doch nun sollte unser Abschlussabend beginnen.

Matthias und Johannes brachten das Feuer in Gang und wie konnte es anders sein, wenn Ljuba mit von der Partie war: es wurden Spiele gespielt. Wir wurden nochmal richtig ausgelassen und haben viel gelacht und geblödelt. Mit zunehmender Dunkelheit wurde es romantischer und die Ajaja zeigte sich nochmal stimmungsvoll.

Da die Abfahrt am nächsten Morgen sehr früh stattfinden sollte, gingen Regina und ich schließlich ins Zelt ohne es zu versäumen, der Jugend anzumahnen, nicht zu lange zu feiern.

Ecopatrol Tag 10 - zwischen Baum und Borke

11.08.05 7:30 Uhr: Nach dieser Nacht in der Blockhütte waren alle gut ausgeruht und bestätigten, gut geschlafen zu haben. Tanja war bereits draußen und mit dem obligatorischen Kochen von Tee und Kascha beschäftigt.

Morgenstimmung hinter der Blockhütte im regenfeuchten Wald. Mal war die Szenerie in weiße Nebelschwaden gehüllt, mal brachen die Sonnenstrahlen durch.Morgenstimmung hinter der Blockhütte im regenfeuchten Wald. Mal war die Szenerie in weiße Nebelschwaden gehüllt, mal brachen die Sonnenstrahlen durch.Millionenfach glitzerten Wassertropfen im Geäst und es wurde offensichtlich, wie die Moose und Flechten in den Ästen der Nadelbäume ihre Wachstum sicherten.
Millionenfach glitzerten Wassertropfen im Geäst und es wurde offensichtlich, wie die Moose und Flechten in den Ästen der Nadelbäume ihre Wachstum sicherten.
Beim Gang nach draußen zum Plumsklo empfing mich eine diffus-gleißende Morgenstimmung. Der Wald dampfte und war von Nebelschwaden durchzogen, die durch die schräg hereinbrechenden Sonnenstrahlen weiß leuchteten. Im Gras und in den Bäumen glitzerten millionenfach kleine Wasserperlen. Ein wunderschöner Anblick, aber die Kälte, wie im Altweibersommer zog einem in die Knochen. Dennoch streifte ich noch zehn Minuten hinter der Blockhütte durch den Wald und kehrte dann zurück in die Hütte, wo das Frühstück bereits angerichtet war.

Der Grund für unser frühes Aufstehen war die Ungewissheit, wann unser Boot oder wenigststens irgend ein Schiff in die gleiche Richtung fahren würde. Wir packten also unsere Rucksäcke und brachten sie zu einem Unterstand am Anleger, einer Art Picknick-Pavillion mit Dach und Sitzbänken. Dort legten wir Wachen fest - je zwei Mann für je eine Stunde - und gaben dem Rest der Truppe die Möglichkeit, die Wartezeit nach ihren Wünschen zu Verbringen. Die meisten gingen wieder zu den heissen Quellen, einige hingen in der näheren Umgebung herum, kauften Souvenire - bemalte Steine und Ähnliches von einer hier ansässigen Burjatin oder erledigten sonstige Dinge. Helmut entdeckte direkt am Anleger eine Steckdose mit Spannung drauf und nutzte das für eine Elektrorasur.
Für alle, die keine Wache hatten galt aber, stündlich beim Anleger vorbeischauen und die Lage peilen.

Am Anleger: Tanja genießt die Morgenstimmung während der Wache und hält gleichzeitig Ausschau nach einem Boot, welches uns zurück zur Ajaja-Bucht bringen könnte. Im Hintergrund Erkennt man Nebelschwaden und tiefziehende Wolkenreste.Am Anleger: Tanja genießt die Morgenstimmung während der Wache und hält gleichzeitig Ausschau nach einem Boot, welches uns zurück zur Ajaja-Bucht bringen könnte. Im Hintergrund Erkennt man Nebelschwaden und tiefziehende Wolkenreste.Die Szenerie wiederholt sich. Immer wieder machten Boote am Anleger von Chakusy fest - manchmal bis zu drei Boote gleichzeitig - aber keiner wollte uns mitnehmen.
Die Szenerie wiederholt sich. Immer wieder machten Boote am Anleger von Chakusy fest - manchmal bis zu drei Boote gleichzeitig - aber keiner wollte uns mitnehmen.
Da wir uns nicht darauf verlassen konnten und wollten, dass ein Boot speziell für uns kommen würde, versuchten wir, auf jedem Schiff, welches Chakusy anlief, nach einer Mitreisegelegenheit zu fragen. Auch der Administrator des Sanatoriums, Sergej Nikolajewitsch unterstützte unsere Bemühungen und versuchte, bei den Kapitänen ein Wort für uns einzulegen. Aber ein Schiff nach dem anderen wiegelte unsere Anfragen ab, jeweils mit unterschiedlichen Begründungen: "Wir fahren nicht dort vorbei", "Wir sind schon voll", "Wir dürfen niemanden außerplanmäßig mitnehmen".

Irgendwie hingen wir "zwischen Baum und Borke". Dieser Tag war durch die Ungewissheit des Wartens wie ein verlorener Tag, auch wenn jeder im Einzelnen etwas unternahm.

Es war inzwischen Nachmittag. Wir hatten ein ähnlich opulentes Mittagessen, wie am Vortage, in der Kantine zu uns genommen und hingen am Anleger herum. Die Hoffnung, heute noch hier wegzukommen schwand immer mehr. Ein weiteres Boot nahm Kurs auf Chakusy und kam näher. Nun ja, eigentlich bedeutete das nicht viel - solcher Boote hatten wir heute schon viele kommen und auch wieder fahren sehen. Als es am Anleger festmachte gingen wir mit Tanja wie schon etliche Male zuvor zum Skipper und fragten, ob er 10 Mann zur Ajaja-bucht mitnehmen könne...

Er reagierte etwas befremdlich. Anstatt auf unsere Frage zu antworten, rief er lauthals über den Anleger: "Die Volunteure zur Ajaja-Bucht ganz schnell herkommen und einsteigen!".
Nun ja, das war also unser Boot, nur der Skipper war ein komischer Vogel und kommandierte uns herum oder versuchte es zumindest, denn ich ignorierte seine Zurufe und ließ die Truppe eine Beladekette bilden. Bei der Menge des Gepäcks wäre es einfach nicht anders gegangen. Wenn jeder seinen (schweren) Rucksack selbst über die Reeling hätte bugsieren sollen, wäre es chaotisch und letztlicher langsamer über die Bühne gegangen. Der Skipper kommandierte zwar immer noch rum, aber sein Kapitän (ein älterer Bootführer) sagte ihm: "Lass sie mal, die machen das schon richtig" - leise zwar, aber so, dass ich es noch hören konnte.

Endlich wieder in der Ajaja-Bucht! Ausbooten am Strand in der Abendsonne.
Endlich wieder in der Ajaja-Bucht! Ausbooten am Strand in der Abendsonne.
Wir liefen nach dem Einschiffen zügig aus und entspannten uns schnell. Schließlich waren wir froh, dass es nun doch noch geklappt hatte und saßen alle Mann auf dem Achterschiff auf Bänken an einem Tisch. Der Skipper schien sich auch entspannt zu haben und war gelassener geworden. Was ihn bewogen hatten, uns zuvor so anzutreiben hatte ich mir mit seinem engen Zeitplan erklärt. Der Kapitän, der als Inhaber eines entsprechenden Patents ein Boot dieser Klasse steuern durfte, war ein ruhiger älterer Mann, der aber ansonsten offensichtlich dem Skipper unterstand. Er bewirtete uns mit Tee, was offensichtlich obligatorisch ist, wenn Passagiere länger als eine Stunde auf dem Baikal befördert werden - zumindest entspricht dies auch meinen späteren Erfahrungen.

Nach etwas mehr als einer Stunde erreichten wir unser Ziel, das Ufer der Ajaja-Bucht. Nach dem Ausbooten, lief das Schiff - es war der "Jermak", dem wir später nochmal begegnen sollten - wieder aus und wir widmeten und dem Zeltaufbau.

Andrej und Egor, die wir gesund und munter vorfanden, halfen uns dabei und auch beim Zubereiten des Abendbrotes, so dass und noch ein entspannter Abend vergönnt war.

Ecopatrol Tag 9 - im Regen verloren

10.8.2005 15:00 Uhr: Es hat die ganze Nacht geregnet - teilweise mit martialischer Urgewalt. Der Regen wirkte auch wie ein Wecker, die ersten waren schon um 7:00 Uhr draussen. Einige wenige, so auch Johannes, konnten dennoch lange schlafen, obwohl gerade er und Matthias in ihrem Zelt ziemlich durchnässt waren.

Immer wieder schütten Schauer aus den tiefziehende Wolken. Der See ist unwirtlich und die Wanderung zum Vorgebirge am Ende der Bucht erschien keinem mehr erstrebenswert.Immer wieder schütten Schauer aus den tiefziehende Wolken. Der See ist unwirtlich und die Wanderung zum Vorgebirge am Ende der Bucht erschien keinem mehr erstrebenswert.Die Überquerung des angeschwollenen Flüsschens über den glitschigen Stamm war mit dem vollen Marschgepäck nicht ganz ungefährlich.Die Überquerung des angeschwollenen Flüsschens über den glitschigen Stamm war mit dem vollen Marschgepäck nicht ganz ungefährlich.Fast haben es alle geschafft. Nur noch Nadja, Oliver und Franziska sind auf der anderen Seite.
Fast haben es alle geschafft. Nur noch Nadja, Oliver und Franziska sind auf der anderen Seite.
Der ursprüngliche Plan war, am Strand in Richtung Süden zu laufen und am Ende der Chakusy-Bucht eine Höhle zu besuchen, die in dem dort aufragenden Vorgebirge irgendwo sein sollte. Dieser Vorschlag wurde am Vortag von Tanja unterbreitet, aber heute hatte angesichts des Sauwetters keiner mehr Lust dazu. Immer wieder schütten Schauer aus den tiefziehende Wolken. Der See ist unwirtlich und die Wanderung zum Vorgebirge am Ende der Bucht erschien keinem mehr erstrebenswert.

Statt dessen wollten die meisten wieder in die heissen Quellen. Zu Recht! Denn heute war alles kalt und klamm, da wuchs der Wunsch nach einer warmen Umgebung. Die Rückfahrt zur Ajaja sollte heute Abend um 15:00 stattfinden.

Somit gingen die meisten wieder zum großen Relaxen im heissen Wasser, bis die Mittagszeit heranrückte. Das Mittagessen lief wieder ab, wie am Vortag. Die Kantine versorgte die Truppe wieder mit einem opulenten 3-Gänge-Menü. Danach begaben wir uns zum unserem Camp, um es abzubauen. Das Flüsschen, welches wir jedes mal zu überqueren hatten, schien mit jedem mal etwas höher gestiegen zu sein.

Da der See stürmisch war, wurden wir skeptisch, was das Schiff um 17:00 Uhr anbelangte. Wir entschieden, alles zu packen, nur die Zelte noch stehen zu lassen, um gegebenfalls dort Unterschlupf zu suchen. Das Lagerfeuer war allerdings schon aus, da wir den Aufbruch geplant hatten. Tanja wollte in den Ort gehen, um mehr zu erfahren. Als die Zeit heran war, war kein Schiff in Sicht. Dafür kam Tanja ein wenig später in Begleitung einer älteren Frau. Die russischen Teilnehmer kannten sie - es war Klavdja Mariasowa.

Sie begrüßte alle und erkannte, dass es um unsere Stimmung nicht zum Besten stand. Sofort versuchte sie, uns aufzumuntern und zu motivieren indem sie alle aufforderte, Holz zu sammeln und das Feuer in Gang zu bekommen. Mich befremdete das etwas und ich erklärte ihr, das wir das Feuer bewusst ausgehen liessen und kein Holz mehr gesammelt hatten, da wir ja abreisen wollten. Ein Feuer in Gang zu bekommen, sei auch für Outdoor-Profis nicht einfach und die Rucksäcke seien auch schon gepackt. Besser sei es, eine Nacht irgendwo im Ort unterzukommen. Diese Argumente schienen ihr einzuleuchten und sie versprach, sich zu kümmern. Sie hatte wohl einen guten Draht zur Verwaltung des Sanatoriums.

Wir warteten also recht stumpfsinnig in den leergeräumten Zelten und schließlich kam Tanja mit der Nachricht, wir könnten uns in der ehemaligen Hospital-Baracke einrichten. Also packten wir den Rest zusammen und registierten im Übrigen, dass auch der Regen nachließ und der Himmel aufriss.

Der Himmel riss im Westen auf und bescherte uns einen atemberaubenden Sonnenuntergang.Der Himmel riss im Westen auf und bescherte uns einen atemberaubenden Sonnenuntergang.Dies ist keine Foto-Nachbearbeitung sondern die Grenze, die die Fotochip-Matrix im Gegenlicht erreicht hatte.Dies ist keine Foto-Nachbearbeitung sondern die Grenze, die die Fotochip-Matrix im Gegenlicht erreicht hatte.Die wenigen Betten wurden belegt. Der Rest der Truppe breitete seine Isomatten aus und wir trugen das Abendbrot auf ein paar Bänken auf.
Die wenigen Betten wurden belegt. Der Rest der Truppe breitete seine Isomatten aus und wir trugen das Abendbrot auf ein paar Bänken auf.
Als wir mit vollem Marschgepäck am Flüsschen ankamen, sahen wir, wie bedrohlich es schon angestiegen war. Der alte Baumstamm, über welchen wir den Flußlauf sonst immer passierten, war glitschig und teilweise schon überflutet. Einer nach dem anderen balancierte hinüber und warf dann den Alpenstock zur anderen Seite zurück.

Schließlich hatten es alle geschafft. Gleichzeitig riss der Himmel im Westen auf und schenkte uns noch einen atemberaubenden Sonnenuntergang. Dann zogen wir in Gänsereihe in den Ort und Tanja führte uns zu der besagten Baracke.

Die Baracke wurde zwar als Hospital nicht mehr genutzt, aber die Räume wurden Tagsüber als Gesellschafts- und Fernsehräume genutzt und in dem (großen) Vorraum stand eine Tischtennisplatte, die heiß umlagert war.

Der große Raum im hinteren Ende der Baracke sollte unser Schlafraum werden. Leider war auch dort noch Betrieb. Die Jugentlichen im Sanatorium trugen dort einen Song-Contest aus, der aber bereits dem Ende zustrebte. Wir gesellten uns leise hinzu und warteten das Ende der Veranstaltung ab.

Nachdem der Raum von uns übernommen wurde, war die Welt wieder in Ordnung. Wir konnten die Sachen zum Trocknen aufhängen. Einige Betten konnten genutzt werden. Der Rest breitete seine Isomatten auf dem Fussboden aus und wir richteten auf ein paar Bänken unser Abendbrot aus.

Sehr spartanisch, aber zufrieden, warm und trocken konnten wir uns dann zur Nachtruhe begeben. Johannes war, wie so oft, wieder mal der Letzte, da er im Vorraum noch mit russischen Jugendlichen recht lange Tischtennis spielte.
Irgendwann war damit zwangsläufig Schluss, denn in Chakusy wird nach Mitternacht der Generator abgeschaltet und "Kein Strom" bedeutet "Kein Licht".

Ecopatrol Tag 8 - Tal der Geysire

9.8.2005 15:00 Uhr: Der Weg zu den Quellen verlief entlang einer "Hauptallee" vom Bootsanleger etwa 200 Meter in Landesinnere. Die Allee war ein Sandweg auf heideartigem Grund. Rechts und Links standen ab und zu Holzhäuser zwischen den Bäumen. Am Ende dieser "Allee" lag ein sandiger Platz, an dem sich links das "Kraftwerk" - ein tuckernder Dieselgenerator in einem Holzschuppen - und rechts die Kantine befand. Weiterhin grenzten an diesen Platz (eher eine Heide-Lichtung) ein paar Wirtschaftsgebäude aus Holz und ein Volleyballplatz.

Ging man nach rechts
an der Kantine vorbei, kam man an ein kunstvoll mit Schnitzereien verziertes Tor mit der Inschrift: "Tal der Geysire". Hinter dem Tor führte ein Weg, der mit Holzplanken ausgelegt war, weniger als 100 Meter bis zu der Lichtung mit den heissen Quellen. Dort konnten wir auch den örtlichen Holzbildhauer bei der Arbeit an einer neuen Skulptur beobachten.

Das größere Becken (mit einer geringeren Zuflussrate aus der Quelle) war erträglich und man konnte es darin ein Weilchen aushalten.
Das größere Becken (mit einer geringeren Zuflussrate aus der Quelle) war erträglich und man konnte es darin ein Weilchen aushalten.
Schließlich erreichten wir in
Gänsereihe die heißen Quellen. Nachdem wir uns in den Umkleidekabinen in die Badesachen geworfen hatten, probierten wir reihum die heißen bis sehr heißen Becken. Sie wurden über unterschiedlich starke Zuflüsse aus der Hauptquelle gespeist und waren deshalb auch unterschiedlich heiß. Es gab auch eine Trinkquelle und eine sogenannte Augenquelle, mit deren Wasser man die Augen spülen sollte. Die Augenquelle war die einzige kühle Quelle, außer einem kleinen Bächlein, welches bereits oberirdisch in die Lichtung floß und sich weiter unten mit dem heißen Bach aus der Hauptquelle vereinte.

Tanja war nicht gleich mitgekommen. Sie hatte zuvor bei der Verwaltung vorgesprochen, ob unsere Gruppe in der Kantine ein Abendbrot bekommen könnte. Nach erfolgter Zusage, hatten wir eine festgelegte Zeit genannt bekommen, zu der wir ein Essen bekommen würden, so dass wir unseren Besuch in den Quellen danach ausrichteten.

Beim Abendbrot: Es gab ein 3-Gänge-Menue, welches so opulent wie ein Mittagessen war.
Beim Abendbrot: Es gab ein 3-Gänge-Menue, welches so opulent wie ein Mittagessen war.
Als die Zeit zum Essen herangekommen war, hatten wir ohnehin genug vom Faulenzen im heissen Wasser. Wir zogen uns wieder an und gingen zur Kantine.

Zum Abendbrot gab es ein Einheits-3-Gänge-Menue, bestehend aus Vorsuppe, gebratenem Omul mit Beilage und einem Trinkkompott als Nachtisch - sehr typisch für russische Kantinen, aber eigentlich ein vollwertiges Mittagessen.

Leider ist das Wetter nicht besser geworden. Es nieselte immer mal wieder. Aber wir ließen es uns nicht nehmen, am Lagerfeuer sitzend, einige Extras zu genießen, die wir zuvor im Dorfladen erstanden haben: Bier, Säfte, diverse Süßriegel und Chips. Dies alles wurde mit so großer Begeisterung konsumiert, dass Johannes und Matthias nochmals Nachschub holten.

Leider verstärkte sich der Regen und trieb uns schließlich in die Zelte.

Ecopatrol Tag 8 - Törn nach Chakusy

9.8.2005 3:00 Uhr: Ein martialisches Gewitter geht mitten in der Nacht über uns hernieder. Blitze zucken, Donner kracht und eine Wolkenbruch lässt ein Trommelfeuer auf die Zeltkuppeln prasseln. Es ist wohl jeder von uns wach geworden und erst nach einer ganzen Weile wieder zur Ruhe gekommen...

Jegor und Andrej (v.l.n.r.) bleiben zurück und bewachen das Basislager. An diesem wolkenverhangenen Morgen ein trostloser Anblick, wie sie uns auf dem Baumstamm sitzend hinterdrein blicken.Jegor und Andrej (v.l.n.r.) bleiben zurück und bewachen das Basislager. An diesem wolkenverhangenen Morgen ein trostloser Anblick, wie sie uns auf dem Baumstamm sitzend hinterdrein blicken.Mit dem Schlauchboot im Schlepp und mit Motorkraft verlässt unsere Jacht die Ajaja-Bucht.
Mit dem Schlauchboot im Schlepp und mit Motorkraft verlässt unsere Jacht die Ajaja-Bucht.
8.8.2005 7:00 Uhr: Wir sind alle Mann eine Stunde früher aufgestanden. Diesmal waren Jegor und Andrej für das Frühstück zuständig, da die anderen ihre Zelte abbauten und die letzten Sachen packten. Das Frühstück war ganz passabel. Obwohl es nicht mehr regnete, waren die Zelte natürlich noch nass und wir mussten sie einpacken, wie sie waren. Da wir sie in Chakusy (engl. Khakusy) wieder aufbauen würden, war dies kein Problem. Eher schon war der immer noch verhangene trübe Himmel ein Problem - an diesem Morgen schien es keine Aussicht auf Sonne zu geben. Zumindest aber gab es frisches Obst, welches Sascha (der Skipper) mitgebracht hatte.

Nachdem wir so weit fertig waren, setzten wir mit dem Schlauchboot in mehreren Schüben zur Jacht über. Aufgrund ihres Kieles (mit tiefem Schwert) konnte sie nicht, wie die Kutter mit dem Bug bis an den Strand laufen und lag in der Bucht vor Anker. Jegor und Andrej blieben zurück und bewachen das Basislager. An diesem wolkenverhangenen Morgen ein trostloser Anblick, wie sie uns auf dem Baumstamm sitzend hinterdrein blicken.

Nachdem alle eingeschifft waren, ging die Reise los. Die meisten saßen auf dem Oberdeck, einige pennten unter Deck noch ein wenig weiter, da das trübe Wetter und das frühe Aufstehen Anlass dazu bot. Die Jacht lief nicht unter Segel, da es kaum Wind gab, sondern mit Motorkraft. Die Motorisierung war jedoch nicht sehr stark und so tuckerten wir gemächlich aus der Ajaja-Bucht heraus.

Aus der feuchten Taiga stiegen Nebelschwaden auf. Der Bootverkehr zwischen Chakusy und Nishneangarsk war ein weiteres Zeichen von Zivilisation.Aus der feuchten Taiga stiegen Nebelschwaden auf. Der Bootverkehr zwischen Chakusy und Nishneangarsk war ein weiteres Zeichen von Zivilisation.Ein Hauch von Zivilisation schlug uns entgegen: einige Häuser am Ufer, ein solider Bootsanleger und Menschen.
Ein Hauch von Zivilisation schlug uns entgegen: einige Häuser am Ufer, ein solider Bootsanleger und Menschen.
Wie lange die Fahrt gedauert hat, weiß ich nicht mehr, mindestens zwei Stunden, wahrscheinlich mehr. Unterwegs begegneten uns Kutter, die wahrscheinlich Kurgäste oder Tagesbesucher für das "Sanatorium" an den heißen Quellen beförderten.

Aus der feuchten Taiga stiegen Nebelschwaden auf. Irgendwann kam bei unverändert trübem Himmel die Bucht von Chakusy in Sicht. Ein Hauch von Zivilisation schlug uns entgegen: einige Häuser am Ufer, ein solider Bootsanleger und Menschen.

Nachdem wir unsere Sachen ausgeladen hatten, erkundigte sich Tanja beim Verwalter nach einem geeigneten Bereich zum Zelten. Der schlug vor, südlich vom Ort in der Nähe des Strandes das Lager zu errichten. So zogen wir in diese Richtung los, mussten aber ein kleines Flüsschen überwinden. Etwa 500 Meter südlich fanden wir dann eine geeignete Stelle in einem heideartigen Wäldchen mit Dünen zum Baikal hin. Dort bauten wir die Zelte auf, machten Feuer und setzten Tee an.

Johannes mit Alpenstock zum Überqueren des Flüsschens auf einem Baumstamm, isst einen Apfel. Im Hintergrund liegt unsere Jacht vor Chakusy.
Johannes mit "Alpenstock" zum Überqueren des Flüsschens auf einem Baumstamm, isst einen Apfel. Im Hintergrund liegt unsere Jacht vor Chakusy.
Unsere Planung war in erster Linie auf den Besuch der heissen Quellen ausgerichtet. Später zogen wir eine Wanderung zu Höhlen im Süden, am Ende der Bucht in Betracht.
Nach einem wärmenden Tee und dem Etablieren des Zeltlagers setzten wir uns in Richtung der heißen Quellen in Bewegung.

Die heissen Quellen waren ein Areal aus zwei offenen holzeingefassten Becken, einer Hütte mit Umkleidekabinen und einem überdachten Becken (jeweils eines an der Frauenumkleide und eines an der Herrenumkleide) und diversen anderen Einrichtungen, wie Fußbecken, Trinkbrunnen, Waschbecken, Duschkabinen und Holzstegen, die alles miteinander verbanden.

Das heisse Becken und und die beiden überdachten Becken waren extrem heiss und für dauerhaften Aufenthalt nicht geeignet. Das größere Becken (mit einer geringeren Zuflussrate aus der Quelle) war erträglich und man konnte es darin ein Weilchen aushalten. Hier hielten wir uns eine geraume Weile auf, bis es Zeit war, ans Mittagessen zu denken.

Ecopatrol Tag 7 - Die GBT-Weihe

8.8.2005 8:00 Uhr: Heute war formal wieder ein Arbeitstag. Nach dem Frühstück gings zum Müllsammeln. Rund um unsere Campsite, entlang des Strandes der Ajajabucht und der näheren Abschnitte des Trails sollten wir Müll auflesen.

Das dauerte nicht allzu lange. Dennoch kam eine gehörige Menge Müll im Wesentlichen am Strand zusammen, vor allem weg geworfene Verpackungen und Flaschen. Die russische Mentalität hat hier leider noch keinen Sinn für Umweltbewusstsein entwickelt, da die unberührte Natur offensichtlich noch nicht als ein begrenztes Gut empfunden wird.

...wir bauten ein Gestell zum Einhängen von Müllsäcken. Dieser stand direkt am Trail in der Höhe unserer Campsite.
...wir bauten ein Gestell zum Einhängen von Müllsäcken. Dieser stand direkt am Trail in der Höhe unserer Campsite.
Eigentlich rechneten wir damit, dass der Müll zum Abtransport nach Sewerobaikalsk in Müllsäcke zu füllen sei, von denen wir ja genügend dabei hatten. Aber den Zahn zog uns Wolodja. Offensichtlich war die Nationalparkverwaltung logistisch gar nicht in der Lage, die Müllentsorgung bis zur Enddeponie durchführen zu lassen. Wolodja berief sich auf die Verrottungszeiten der einzelnen Müllmaterialien und wies uns an, eine Grube als "Minideponie" auszuheben um dort den Müll zu vergraben. Wir taten es so, wie er es wollte. Mehr noch, wir setzten den Müllhaufen in der Grube auch noch in Brand, um das Volumen zu verringern und um Blechdosen mit Lebensmittelresten auszubrennen, damit die Deponie keine Bären anlockt.

Ich machte mich mit Jegor dann noch an ein besonderes Projekt: wir bauten ein Gestell zum Einhängen von Müllsäcken. Dieser Stand direkt am Trail in der Höhe unserer Campsite. Es dauerte ein Weilchen, wurde aber recht solide. Andrej entdeckte diesen Müllsack gleich auch als Ballwurfkorb. Da der Behälter keinen Deckel hatte, mussten wir später noch vorsorglich Löcher in den Boden schneiden, damit der Müllsack bei Regen nicht mit Wasser volläuft und durchreißt.

Wettfüllen von Wasserflaschen, die im Hosenbund steckten, mit einem Löffel - hier: Jegor gegen Oliver.
Wettfüllen von Wasserflaschen, die im Hosenbund steckten, mit einem Löffel - hier: Jegor gegen Oliver.
Nach dem Mittagessen wurde es ernst. Die GBT-Weihe stand uns bevor. Wie bei einem Neptunfest während einer Äquator-Überquerung stand uns einiges bevor:
  • Wettfüllen von Wasserflaschen, die im Hosenbund steckten, mit einem Löffel
  • Gegenseitiges Anpusten mit Milchpulver
  • Springen von einem Brett mit verbundenen Augen
  • und einiges mehr in dieser Art.
Nach den erfolgreich durchlittenen Torturen mussten wir den GBT-Schwur ablegen, der von pathetisch-schwachsinnigen Phrasen strotzte. Angefangen damit, dass wie nie die Camp-Kascha verschmähen dürften bis hin zu solchen Sprüchen, dass wir alle Härten und Strapazen des Trailbaus mit Freuden zu erdulden hätten.

Nach dreimaligem "Wir schwören" waren wir echte GBT-ler und erhielten ein GBT-Tuch. Danach waren wir heiter und aufgekratzt, machten Fotos und planten den nächsten Tag, die Überfahrt nach Chakusy.

Prüfungen der GBT-Weihe: Springen von einem Brett mit verbundenen Augen und einiges mehr in dieser Art.
Prüfungen der GBT-Weihe: Springen von einem Brett mit verbundenen Augen und einiges mehr in dieser Art.
Jegor und Andrej sollten hier bleiben und das Camp bewachen, die anderen würden mit einer Segeljacht nach Chakusy geschippert werden, was eigentlich nur zwei Buchten weiter südlich lag, aber zu Fuß kaum an einem Tag zu erreichen war.

Unsere Jacht lief auch schon am Abend ein. der Skipper war ein junger Bursche. Er hieß Sascha und hatte eine Sprachstörung - er stotterte. Zu allem Überdruss muss er bei Wolodja einen falschen Ton angeschlagen haben, denn ich bekam mit, wie dieser ihn runterputzte und von Sascha verlangte, der solle die Bucht verlassen und erst morgen früh wiederkommen, um uns abzuholen. Dann stapfte er zu seiner Rangerhütte.

Ich fragte Sascha, was passiert sei. Aber der war ziemlich ratlos und meinte, irgend was habe ihm (Wolodja) nicht an seinem Ton gepasst. Da ich Wolodja inzwischen kannte, dachte ich mir, dass Sascha wohl einfach zu leutseelig mit Wolodja gesprochen hatte, was dem als "Amtsperson" missfallen haben muss. Schließlich bat ich Sascha, uns mit seinem Beiboot zur Rangerhütte zu fahren. Dort versuchte ich zu vermitteln und bat Wolodja, dass Sascha mit der Jacht hier über Nacht vor Anker bleiben könne. Das war leichter, als ich erwartet hatte. Zwar sagte Wolodja noch zu Sascha: "Das nächste Mal überlege Dir gut, wie Du mit mir sprichst", willigte aber ein und meinte, es könne ohnehin über Nacht stürmisch werden, da sei ein geschützter Liegeplatz, wie die Ajaja, auch angeraten. Nachdem wir das also geklärt hatten, begab ich mich wieder in unser Camp und machte mich ans Vorpacken für morgen.

Ecopatrol Tag 6 - Der geheime Freund

7.8.05: Wieder ein freier Tag. Einige wollten auch heute eine kleine Wanderung machen. Allerdings gab es nur einen Trail - den zum Frolicha-See. Alle anderen Ziele würden quer durch die Taiga führen und sei es einfach nur der nächste Berggipfel. Andrej hatte so etwas in der Art vor. Sogar am Ufer entlang wäre eine Wanderung nicht minder beschwehrlich, denn nur in der inneren Kehle der Ajaja-Bucht gab es einen Sandstrand. Weiter an den Flanken gab es nur noch felsige Gestade und schwer begehbares Geröll.

Jegor, Helmut und Oliver machen Feuerholz.Jegor, Helmut und Oliver machen Feuerholz.Andrej, Ljuba und Franziska bei Karten- und anderen Spielen.
Andrej, Ljuba und Franziska bei Karten- und anderen Spielen.
Die meisten würden sich heute wohl ihrem geheimen Freund widmen. Da werde ich allerdings erst einmal erklären müssen, was es mit dem heimlichen Freund auf sich hat. Am Tag 1 hatten wir am Abend noch verschiedene Kennenlernspiele gespielt. Initiator des Ganzen war Ljuba, die als Dolmetscherin auch für die "kulturelle Ausgestaltung" der Camp-Freizeit zuständig war. Auch wenn diese Spiele für uns Ältere auch etwas nervig waren, so hatten sie zumindest den Sinn, einander in der Gruppe etwas näher zu kommen und locker zu werden. Dabei wurden auch Spiele gespielt, die das Merken der Namen fördern sollten, wie zum Beispiel folgendes: Es wurden zwei Gruppen gebildet, die von zwei Spielmeistern durch eine hochgehaltene Decke (als Sichtschutz) von einander getrennt wurden. Dann hockte sich aus jeder Gruppe einer vorn an der Decke hin und die Spielmeister senkten dann blitzartig die Decke. Sobald man sehen konnte, wer da hockt, versuchten die Spieler der jeweiligen Gegenseite, den Namen des Hockenden zu schreien. Wer schneller war, hatte den Punkt.

Neben diesen und anderen albernen Spielen bereitete Ljuba Lose mit den Namen aller Campteilnehmer vor, mischte sie und ließ jeden aus der Runde ein Los ziehen. Nachdem sie sich versichern ließ, dass niemand sich selbst gezogen hat, erklärte sie: Ihr habt nun jeder einen geheimen Freund per Los gezogen. Ihr müsst ihm nun im Laufe des Camps versuchen, kleine Gefälligkeiten und Überraschungen zu bereiten, ohne das der jenige merkt, von wem das kommt. Am Ende unserer Camp-Zeit werden wir dann versuchen, zu erraten, wer wohl unser geheimer Verehrer sein könnte. Oha! Heute war wohl am ehesten der Tag, an dem man ein kleines Geschenk basteln konnte.

Der Kutter, mit dem Oleg und seine Tochter Oksana wieder abreisten. Im Vordergrung das Motorboot der Rangerstation. Auf dem Boot sitzend Wolodja, der Ranger, neben ihm mit dem Rücken zur Kamera der Parkwächter und rechts daneben der Guide (Wanderführer) einer Gruppe Tagesbesucher.
Der Kutter, mit dem Oleg und seine Tochter Oksana wieder abreisten. Im Vordergrung das Motorboot der Rangerstation. Auf dem Boot sitzend Wolodja, der Ranger, neben ihm mit dem Rücken zur Kamera der Parkwächter und rechts daneben der Guide (Wanderführer) einer Gruppe Tagesbesucher.
Seinen markanten Schrei haben wir fast täglich hören können. Auf einer abgestorbenen Lärche an der Ajaja-Bucht hat er seinen Posten bezogen, ein Zedernhäher.
Seinen markanten Schrei haben wir fast täglich hören können. Auf einer abgestorbenen Lärche an der Ajaja-Bucht hat er seinen Posten bezogen, ein Zedernhäher.
Dieser prächtige Bursche hier wird von den Einheimischen
Dieser prächtige Bursche hier wird von den Einheimischen "Strigun" genannt, was soviel, wie "Haarschneider" bedeutet. Haare schneidet er zwar nicht wirklich, aber er landet gern mal auf menschlichen Köpfen und kann sich daher auch im Haar verfangen (wenn es lang genug ist). Daher wird er vor allem von den Mädchen gefürchtet.
Aber auch anderen kurzweiligen Beschäftigungen wurde nachgegangen, wie Kartenspiel, Baden, Lesen oder manch eine persönliche Pflegemaßnahme, die man hier sonst nicht täglich machen würde, wie Rasieren und Haare waschen, oder einfach nur die Sachen in Ordnung bringen und Wäsche waschen.

Ich hatte als geheimen Freund Regina gezogen und versuchte nun, eine kleines Boot aus Rinde zu basteln, welches ich noch auf verschiedene Weise dekorieren und "Jacht Ajaja" taufen wollte.

Irgendwann am Abend zuvor ist auch Oleg mit seiner Tochter wieder aufgetaucht. Sie hatten einige Tage zu zweit am Frolicha-See verbracht und wollten heute wieder mit dem Kutter zurück nach Sewerobaikalsk. Er hatte einige beeindruckende Bilder gemacht, die er uns auf dem Display seiner Digitalkamera zeigte. Darunter waren auch Bilder von frischen Bärenspuren am Strand des Sees.

Wir hatten uns auch daran gewöhnt, dass praktisch täglich Boote mit Tagesbesuchern kamen, die den Wanderweg zum See hochgingen, nach einigen Stunden wieder in der Bucht auftauchten und schließlich wieder mit dem Boot wegfuhren. Das relativierte die Abgeschiedenheit zwar, aber genau dafür haben wir diesen Wanderweg letztlich angelegt. Die meisten dieser Ausflügler kamen vom Sanatorium bei den heissen Quellen von Chakusy, aber auch privat gecharterte Boote tauchten manchmal auf.

Nachdem der Kutter nach Sewerebaikalsk ausgelaufen war und das Boot der Parkranger wieder zu deren versteckter Blockhütte gefahren ist, wurde es wieder still in der Bucht. Wolodja hatte uns noch die Aufgabe für morgen verklickert: Wir sollten eine Müllsammelaktion am Strand der Ajaja durchführen. Danach hätte er keine Aufgaben mehr für uns.

Ecopatrol Tag 5 - Tag der Angler

6.8.05: Heute war Ausschlafen angesagt, was für jeden etwas anderes bedeutete. Für Regina und mich war das etwa um 9:00 Uhr, für manch anderen kurz vor 11. Aber länger Schlafen wäre wohl beim besten Willen nicht möglich gewesen, denn die Hitze im Zelt trieb die letzten Langschläfer hinaus.

Der Weg war oft geprägt von Geröll auf der einen Seite und sumpfigen Abschnitten auf der anderen Seite.Der Weg war oft geprägt von Geröll auf der einen Seite und sumpfigen Abschnitten auf der anderen Seite.Beim Aufzeichnen des Tracks mit GPS, hier am Beginn eines Abschnittes mit Hochwald.
Beim Aufzeichnen des Tracks mit GPS, hier am Beginn eines Abschnittes mit Hochwald.
Die Pläne für den Tag waren unterschiedlich, aber viele hatten eine Wanderung auf dem Programm. Wolodja hatte uns die Auflage erteilt, mindestens jeweils zu dritt aus dem Lager zu gehen. Einige wenige blieben auch im Camp. Drei Jungs - Matthias, Johannes und Jegor - hatten vor, im Frolichasee zu Angeln.

Obwohl wir beide als erste aufgestanden waren, kamen wir als letzte weg. Das lag daran, dass wir nach dem ziemlich späten und sich dahin ziehenden Frühstück auch gleich noch das Mittagessen vorbereiteten. Dann machten wir uns auch auf den Weg. Unser Ziel war der Frolichasee. Auf dem Weg dahin wollte ich den Trail mit dem Garmin vermessen. Einmal den Track aufzeichnen und zudem die markanten Punkte als Waypoints abspeichern.
Das Ergebnis darf als Placemark-Collection bei Google Earth bewundert werden (Das lohnt sich, denn ich habe über alle Punkte eine virtuellen Flug geführt - einfach in der Google Earth Placemark-Toolbar links des Play-Symbol klicken). Direkt in Google Earth öffnen

Dabei konnten wir nochmal gut die verschieden Abschnitte und Schwerpunkte sehen.

Hier sieht man, wie das Unterholz in die lichtdurchflutete Schneise hineinstrebt. Im Hintergrund rechts Erlensträucher und links Krüppelkiefern, die wir an den vorangegangenen Tagen gestutzt hatten. Der Boden ist geprägt von Wurzeln und Geröll.
Hier sieht man, wie das Unterholz in die lichtdurchflutete Schneise hineinstrebt. Im Hintergrund rechts Erlensträucher und links Krüppelkiefern, die wir an den vorangegangenen Tagen gestutzt hatten. Der Boden ist geprägt von Wurzeln und Geröll.
In Talsohlen mit vermehrtem Hochwald kam man am besten durch, aber das war eher selten. Wo es aber keinen dichten Hochwald gibt, führen die guten Lichtverhältnisse am Boden zu vermehrten Wachstum des Jungwaldes und Unterholzes.

Vor allem entlang des freigeschlagenen Trails sieht man, wie das Unterholz in die lichtdurchflutete Schneise hineinstrebt. Erlensträucher und Krüppelzedern (Slanets-Krüppelform der sibirischen Zirbelkiefer) streben von links und rechts in den Weg und müssen nach zwei Jahren bereits wieder gestutzt werden.

Bei zügigem Gang ist man nach etwa eineinhalb Stunden am See. Aufgrund der Spielereien mit dem Garmin brauchten wir etwa zwei Stunden. Zuerst suchten wir die Petrijünger, die wir in der Nähe der Rangerhütte fanden.

Sie waren durchaus erfolgreich und hatten zweimal einen Hecht an der Angel, wobei aber einer sich mitsamt dem Blinker loßgerissen hatte. Der andere Hecht war mit 70 cm ein junger Bursche, aber für die Jungs ein Achtungserfolg.

Sie waren durchaus erfolgreich und hatten zweimal einen Hecht an der Angel, wobei aber einer sich mitsamt dem Blinker loßgerissen hatte.Sie waren durchaus erfolgreich und hatten zweimal einen Hecht an der Angel, wobei aber einer sich mitsamt dem Blinker loßgerissen hatte.Auslauf zum Ablauf: an dieser Stelle fließt das Wasser aus dem Frolicha-See in eine Art Bodden, aus dem dann schließlich das Flüsschen
Auslauf zum Ablauf: an dieser Stelle fließt das Wasser aus dem Frolicha-See in eine Art Bodden, aus dem dann schließlich das Flüsschen "Untere Frolicha" abfließt.
Aus Johannes' Tagebuch: ... Matze stand direkt unten bei der Hütte am Wasser. Gleich nach dem zweiten Wurf hatte etwas angebissen. Nach einem kurzen Kampf hatten wir einen 70 cm langen Hecht draußen. Ich krackelte nach rechts im Wasser über die Steine. Die Füße mussten heute sehr leiden. Dann biss bei Jegor einer an, an der kleinen Angel, bestimmt 85 cm groß, aber er entkam, hatte einfach Blinker mit Haken verschluckt und riss sich los. ...

Als wir die Jungs erreichten hatten sie wohl ihre Anglergeduld bereits aufgebraucht und machten bereits Anstalten zum Einpacken ihrer Utensilien. Wir liefen noch ein Stück in südlicher Richtung am Ufer entlang und fanden sogar ein Plätzchen für ein Bad im See.

Nachdem alle von ihren Wanderschaften zurückgekehrt waren, gab es ein deutlich verspätetes Mittagessen und kurz darauf gebratenen Hecht. Oliver, Helmut und Andrej hatten versucht, die "Untere Frolicha" zu durchqueren und berichteten von ihren Erlebnissen, die uns später (nach unserer Heimkehr) inspirieren sollten, eine Hängebrücke zu planen.

Ecopatrol Tag 4 - Durchschuss zum Frolicha See

5.8.2005 7:00 Uhr Oliver schneidet die Geburtstagstorte an.
Oliver schneidet die Geburtstagstorte an.
: Wieder die gleiche Prozedur, wie jeden Morgen? Nicht ganz! Heute haben wir ein Geburtstagskind. Oliver ist 25 geworden. Natürlich muss er erstmal eine Menge an Gratulationen über sich ergehen lassen. Aber wird es auch eine Überraschung geben? Am Frühstückstisch kommt sie dann, und wird mit großem "Trarah" präsentiert: Olivers Geburtstagstorte. Aus den Mitteln, die zur Verfügung standen hat Regina mit Unterstützung einiger anderer einen "kalten Hund" aus Keksen und geschmolzener Schokolade kreiert, der nun von Oliver angeschnitten wurde. Gereicht hat es für alle.

Nach dem Frühstück gehts wieder los. Wenn wir es heute schaffen, bis zum Frolichasee durchzuarbeiten, wäre der Plan erfüllt. Wir zogen also zum heutigen Abschnitt aus und waren frohen Mutes, auch wenn der Anmarsch heute besonders lang wären würde - etwa eine Stunde.

Abmarsch aus dem Camp - in den Sanddünen unmittelbar an der Ajaja-Bucht ist der Trail unübersehbar breit ausgetreten, aber das ändert sich nach wenigen hundert Metern.
Abmarsch aus dem Camp - in den Sanddünen unmittelbar an der Ajaja-Bucht ist der Trail unübersehbar breit ausgetreten, aber das ändert sich nach wenigen hundert Metern.
Da Wolodja gern noch den Weg am See entlang bis zur Rangerhütte frei gemacht haben wollte, schlug er vor, dass drei Jungs direkt zu diesem stark verwilderten Abschnitt gehen und der Rest, den Hauptpfad zum Frolichasee (der nicht so extrem zugewuchert war) bearbeiten. Die drei Auserwählten waren Andrej, Jegor und Johannes, die sogleich mit Wolodja weiter marschierten, während wir anderen ab der Stelle weiter machten, wo wir das Werkzeug versteckt hatten - am Ende des Moorabschnittes.

Dieser Teilabschnitt war relativ leicht. Es gab nur hier und da Erlengestrüpp zu lichten, die eine oder andere junge Birke, die direkt am Trail ausgetrieben war und ganz selten auch Krüppelkiefern (Zirbelkiefer, auch sibirische Zeder genannt).

Mittagspause vor der Blockhütte.
Mittagspause vor der Blockhütte.
Die drei Jungs auf dem Abschnitt zur Rangerhütte hatten wohl trotz der harten Arbeit noch eine Menge Spaß, wie Johannes' Tagebucheinträge beweisen:
... Wir haben viel und lange geholzt und die beiden machten genauso Mist, wie wir, nur auf russisch halt. Sie bewarfen sich mit Nüssen (Anm.: Zedernzapfen), beschimpften sich aus Spaß und nannten sich gegenseitig Streifenhörnchen und sowas. Wir drei waren natürlich zuerst an der Hütte; sie war richtig so, wie man sich so eine Hütte im Wald 20 Meter vom Wasser in einer Schräge (Anm.: Hang) vorstellen kann. Wir machten schon Feuer und setzten Wasser auf. ...

Am frühen Nachmittag schlossen wir anderen unseren Abschnitt ab und liefen ebenfalls zur Blockhütte. Dort summte schon das Teewasser im Kessel und wir machten uns über unseren Proviant her.

Ein paar der Jungs sprangen vor dem Abmarsch nochmal in den Frolichasee, der hier am Ablauf angenehm temperiert war.
Ein paar der Jungs sprangen vor dem Abmarsch nochmal in den Frolichasee, der hier am Ablauf angenehm temperiert war.
Die Hütte faszinierte mich sie hatte nur eine Tür und ein kleines Fenster. Die Zwischenräume der Baumstämme waren mit Moos und Erde ausgestopft. Die Decke war aus ebensolchen Stämmen beschaffen und als Dach diente ein schräg gesetztes Gestell aus Holztangen, das mit Zweigen eingedeckt war. Offensichtlich reichte dies, um Regenwasser darauf abfließen zu lassen und die Schneelast im Winter aufzunehmen. Für den Rest sorgte eine Plane, die über der Decke lag.
Der Boden der Hütte war einfach so geblieben, wie er vorher war - Erde. Die hintere Hälfte der Hütte wurde von einer Bretterbühne in Oberschenkelhöhe vereinnahmt, auf der drei Personen nebeneinander in Schlafsäcken schlafen könnten. im vorderen Teil neben der Tür stand ein gusseiserner Kanonenofen.

Bevor wir den Heimweg antraten, ließen drei der Jungs es sich nicht nehmen, nochmal in den Frolichasee zu springen. Er war angenehm warm im Gegensatz zum Baikal, obwohl er von mehreren Gletscherflüssen gespeist wird.

Der Rückmarsch ohne übermäßige Eile, in voller Beladung mit dem ganzen Werkzeug dauerte etwa eineinhalb Stunden und wir verspäteten uns gehörig zum Abendbrot. Der Abend verlief wie gewöhnlich in geselliger Weise und endete am Lagerfeuer.

Ecopatrol Tag 3 - es geht durch Moor

4.8.2005 7:00 Uhr: Ich werde darauf verzichten, das morgentliche Aufsteh- und Frühstücksritual zu beschreiben. Es war das selbe, wie am Tag zuvor

Das Wetter war an diesem Tag genauso zu erwarten, wie die Tage zuvor: heiß und hochsommerlich. Dennoch hatte sich etwas verändert. Der frische Wind von West, der bereits vorgestern abend eingesetzt hatte und am Vortage über längere Zeit vom offenen Baikal geblasen hatte, führte zu einem kompletten Austausch der oberen, erwärmten Wasserschicht in der Ajaja-Bucht. Mit anderen Worten, das Wasser war extrem kalt geworden - unter 10 Grad. Wenn man bedenkt, dass das Tiefenwasser des Baikals ganzjährig 4°C beträgt, ist dies kein Wunder. Wolodja begründete das Phänomen aber eher mit einer sibirischen Bauernregel, dem
Iljin-djen (Tag des Ilja) am 2.August, an dem in Sibirien der Sommer dem Herbst weicht. Nun, vorerst galt dies nur für das Wasser des Baikal und auch die Nächte wurden empfindlich kalt.

Heute war das dritte Viertel des Weges zu bearbeiten. Wobei der Schwerpunkt auf einem sumpfigen Abschnitt von mehreren hundert Metern lag, durch welchen wir Knüppeldämme legen sollten. Die Aufgabe war anspruchsvoll - harte Arbeit und zudem war der Abschnitt auch tagsüber ein Mücken-Eldorado. Wolodja war allerdings der Meinung, dass die Jugend damit schon klarkommen würde und forderte mich auf, eine Begehung der Abschnitte für den morgigen Tag vorzunehmen. Sein Gewehr hatte er wieder dabei und so stiefelten wir los.

Parkranger Wolodja hält Ausschau. Das Gewehr hat er an der Jagdhütte abgestellt. In seinem Tarnanzug und den Basketballschuhen sieht eher nicht wie eine Respektsperson aus.
Parkranger Wolodja hält Ausschau. Das Gewehr hat er an der Jagdhütte abgestellt. In seinem Tarnanzug und den Basketballschuhen sieht eher nicht wie eine Respektsperson aus.
Eine Stunde später erblickte ich zum ersten Mal den Frolichasee. Allerdings war dies nur eine Art Haff am Auslauf des Sees, der durch eine schmale kanalartige Verbindung aus dem eigentlichen Frolichasee mit Wasser gespeist wurde. Wolodja lief unweit des Ufers in nördlicher Richtung, wo sich der Ablauf des Sees, die untere Frolicha (engl. Frolikha creek) befinden musste. Der Weg hier war total verwildert, praktisch nicht mehr vorhanden. Nicht nur Erlengestrüpp und Krüppelkiefern (Slanets), sondern auch umgestürzte Bäume versperrten immer wieder den Weg. Wir schlugen uns zwar durch, aber für Wanderer mit Trekkingrucksäcken wäre dies fast unmöglich. Allerdings lag unser Ziel keinen Kilometer weit - eine Jagd- und Winterhütte.

Dieses lauschige Plätzchen lag zwanzig Meter vom Wasser entfernt an der Uferböschung. Es lag gut versteckt unter Bäumen und konnte vom Wasser her kaum wahr genommen werden. Hier eröffnete Wolodja mir, dass wir mit unserer Arbeit fertig seien, wenn wir den Weg bis hierher frei gemacht haben. Vielleicht noch mal eine Müllsammelaktion am Strand und dann hätten wir für den Rest der Tage frei. Mir gefiel dieser Ansatz und ich tat dies auch kund. Plötzlich hörten wir Stimmen auf dem See.

Ich posiere mit Wolodjas Gewehr vor der Jagdhütte.
Ich posiere mit Wolodjas Gewehr vor der Jagdhütte.
Wir spähten über den See und sahen einen Katamaran aus zwei Kajaks, die mit mehreren Stangen verbunden waren und darauf mehrere Personen. Wolodja sagte: "Die kenn ich. Deren Genehmigung für das Reservat ist schon gestern abgelaufen. Die nehm ich mir zur Brust!" Er trat aus dem Dickicht hinaus aufs Ufer und rückte seine Blechmarke (die ihn als Parkranger auswies) zurecht. Dann rief er der Truppe zu, sie sollen zu ihm ans Ufer paddeln. Als sie nicht gleich reagierten, wurde er richtig laut und brüllte, er würde nicht empfehlen, sich mit ihm anzulegen. Nachdem sie herangepaddelt waren, wurde sein Ton kaum versöhnlicher. Sie sagten, einer von ihnen sei etwas erkrankt, deshalb wären sie noch nicht zurückgekommen. Aber das tat er als Ausrede ab und setzte ihnen ein Ultimatum, bis zum Abend zur Ajajabucht hinunter zu kommen, ansonsten würde er sie wegen illegalen Betretens des Naturreservates anzeigen (was eine empfindliche Geldstrafe zur Folge hätte). Sie versprachen schließlich kleinlaut, zu kommen.

Der Beginn des Moorweges (hier zwei Tage später auf Inspektionsgang). Trotz der lang anhaltenden Trockenkeit waren die Morastlöcher noch tückisch und wurden mit Knüppeldämmen ausgelegt.
Der Beginn des Moorweges (hier zwei Tage später auf Inspektionsgang). Trotz der lang anhaltenden Trockenkeit waren die Morastlöcher noch tückisch und wurden mit Knüppeldämmen ausgelegt.
Wir ließen uns dann noch vor der Jagdhütte nieder und ich ließ mich von Wolodja in Trappermanier fotografieren, indem ich mich mit seinem Gewehr in Pose gesetzt hatte. Er plauderte noch ein wenig mit mir und sagte, dass er das Gewehr eigentlich weniger wegen wilder Tiere dabei hat, sondern eher wegen der Leute. Mit dem Gewehr würde man einfach viel stärker als Respektsperson angesehen werden. Mich befremdete diese Antwort anfangs zwar, aber dann dachte ich an die Geschichte von den zwei getöteten Wildhütern auf der Halbinsel Jarki und gestand ihm zu, es wohl so gemeint zu haben, dass es ihm auch Sicherheit vor Wilderern geben könnte.

Wir gingen schließlich zurück und ich stieß zu meinen mückengeplagten Volonteuren. Wolodja ging weiter zur Bucht und ich blieb bis zum Ende des Arbeitstages gegen 15:00 Uhr bei ihnen und arbeitete mit.

Je weiter unser Arbeitsabschnitt vom Camp entfernt war, umso weiter hatten wir zu laufen. Daher entschlossen wir uns, das Werkzeug im Wald zu verstecken und liefen dann ins Camp, wo sich unserer Freizeit wieder ähnlich dem Vortage gestaltete. Doch es gab auch etwas vorzubereiten, nämlich Olivers 25. Geburtstag, zu dem wir ihn am nächsten Tag überraschen wollten.

Ecopatrol Tag 2 - ein weiterer Arbeitstag

3.8.2005 7:00 Uhr: Das morgentliche Ritual wiederholt sich. Regina und ich sind die ersten und bereiten das Feuer und dann das Frühstück vor. Wir hatten eine Übereinkunft getroffen, dass Regina immer als Küchenchef im Camp bleibt - das war ihr eigener Vorschlag - und jeden Tag sollte ein anderer Campteilnehmer als zweiter Küchenhelfer da bleiben. Dieser Küchenhelfer durfte allerdings mit den anderen etwas später aufstehen, da ich am Morgen Regina half, was sich auf Feuer machen und Wasser holen beschränkte.

Der erste Arbeitsabschnitt (vom Vortag) führte vom Camp bis etwa zur Ortsmarke 1. rest bench. Der heutige Abschnitt sollte bis zu einer Stelle kurz vor dem Sattel zwischen Ajaja Buch und Frolichasee führen - gekennzeichnet durch die Ortsmarke 2. waypoint (spring). Die kleine Brücke, die ebenfalls markiert ist, würde erst noch gebaut werden müssen. In einem älteren Beitrag dieses Blogs wurde bereits auf die Google Earth Ortsmarken verwiesen.
Der erste Arbeitsabschnitt (vom Vortag) führte vom Camp bis etwa zur Ortsmarke 1. rest bench. Der heutige Abschnitt sollte bis zu einer Stelle kurz vor dem Sattel zwischen Ajaja Buch und Frolichasee führen - gekennzeichnet durch die Ortsmarke 2. waypoint (spring). Die kleine Brücke, die ebenfalls markiert ist, würde erst noch gebaut werden müssen. In einem älteren Beitrag dieses Blogs wurde bereits auf die Google Earth Ortsmarken verwiesen.
Ansonsten wiederholte sich auch das Wecken der anderen, wie am Vortag, das Frühstück mit leicht modifiziertem Menu (Tee und Kascha - so heißt der russische Milchbrei - waren aber immer dabei). Auch das Erscheinen von Wladimir (Wolodja), der Abmarsch und letztlich der Arbeitstag lief in der gleichen Manier ab. Der einzige Unterschied: Wir hatten weiter zu laufen, ehe wir mit der Arbeit beginnen konnten. So liefen wir etwa 2 Kilometer den Pfad entlang, den wir am Vortag frei gemacht hatten, ehe wir an unserem nächsten Abschnitt ankamen. Wir liefen in Gänsereihe und schleppten die Gerätschaften und unsere Daypacks. Wolodja kritisierte hier und da einen Erlenstrauch oder eine kleine Birke, die ihm noch zu nahe am Trail standen und wir korrigierten das gleich.

In diesem ersten Bereich hatten wir auch einen sumpfigen Abschnitt, in dem wir den Verschnitt vom Ausästen des Weges als Knüppeldamm ausgelegt hatten, nur das Bächlein, was sich hier entlang wand, und welches sich ziemlich tief eingeschnitten hatte, musste man mit einem großen Satz überspringen. Mit Gepäck und Geräten war das schon recht unhandlich. Hier hätten wir uns gut eine kleine Brücke vorstellen können. Für Wolodja war das kein Thema. er wollte vorrangig das nächste Viertel des Weges freihacken. Also marschierten wir durch und begannen alsbald mit unserer Arbeit. Wie am Vortag, arbeitete er eine Weile mit und verschwand irgendwann, nachdem er mit mir einmal nach vorn gelaufen war (etwa 1,5 km) um zu zeigen bis wohin wir arbeiten sollten.

Nachdem mir Wolodja das Tagesziel gezeigt hatte, lief ich zu den anderen zurück und beteiligte mich an der Arbeit. Wolodja selbst, der heute einen Karabiner umhängen hatte, wollte weiter in Richtung Frolichasee einen Inspektionsgang machen. Das Gewehr begründete er damit, dass sich Bären oben am See rumtrieben.

Oliver, Johannes, Jegor und ich bei der Mittagspause auf unserer Bank. Helmut schoss das Foto.
Oliver, Johannes, Jegor und ich bei der Mittagspause auf unserer "Bank". Helmut schoss das Foto.
An einer Stelle bot es sich an, aus einem umgestürzten Baum eine simple Bank zu bauen. wir klinkten einfach einen Baumstamm an zwei Enden aus, bearbeiteten die Sitzfläche ein wenig und legten ihn über quergelegte kurze Baumstämme. Unser Werk war gerade zur Mittagszeit fertig, so dass wir es gleich für unsere Mittagspause testen konnten.

Nach der Mittagspause ging es weiter. Schließlich dauerte es nicht mehr lange und wir hatten unser Tagessoll erfüllt. So konnten wir uns auf den Rückweg begeben. Als wir wieder das Bächlein überqueren mussten, fassten wir spontan den Entschluss, die Brücke gleich zu bauen. Wolodja war ja nicht da, also konnte es ihm egal sein. Die Mädchen schickten wir ins Camp, was später von Franziska kritisiert wurde (Die Jungs dürfen etwas Anspruchsvolles bauen und die Mädchen müssen gehen). Zwar hatte sie im Prinzip recht, doch im konkreten Fall musste ich einen Teil wegschicken, da die notwendigen Arbeiten auf nur wenige Kräfte verteilt werden konnten und diese auch körperlich schwer waren.

Wir fällten also drei Lärchen mit 30 cm Durchmesser am Fuß. Auf beiden Seiten legten wir je einen kurzen Balken als Gründung, den wir für jeden der drei Stämme dreifach ausklinkten (mit einer Aushöhlung versahen). Die Stämme klinkten wir auch an den Auflagepunkten aus und schälten sie. Nachdem wir sie aufgelegt hatten, sicherten wir die äußeren Balken (rechts und links) durch Pflöcke, damit sie nicht von den Sattelbalken rutschen konnten. Schließlich nagelten wir noch eine Birkenstange als Handlauf an zwei Bäume, die beiderseits des Bächleins standen.

Nach vollbrachtem Werk gingen auch wir schließlich mit eineinhalb Stunden Verspätung ins Camp.

Der Kutter mit dem klingenden Namen
Der Kutter mit dem klingenden Namen "Buryatiya" (Burjatien) im Sonnenuntergang - von dort tönte laute Musik bis spät in die Nacht.
Der Rest des Tages verlief ähnlich "relaxed", wie am Vortag. Nach dem Essen war Freizeit. Die meisten badeten, bis die Sonne tief stand und es kalt wurde. Dann sammelte sich die Truppe wieder am Lagerfeuer. Am Nachmittag waren zwei Boote in die Ajajabucht eingelaufen, ein Segelboot und ein Jaroslavez-Kutter, von dem bis spät in die Nach Musik herübertönte.

Irgendwann erzählten Oliver und Helmut - teilweise zur Mittagsrast, teilweise am abend - von ihrem Sherpa-Dienst für Oleg am Vortag:
Sie schleppten also die Ausrüstung bis zur westlichen Seite des Frolichasees. Dort pumpte Oleg sein Schlauchboot auf und schlug den beiden vor, sie mit über den See zu nehmen, quasi als Belohnung und dann auch wieder zurückzurudern. Das war natürlich ein spannendes Angebot für die beiden. Der Frolichasee würde sich ihnen in völlig anderen Perspektiven erschließen. Allerdings hatte wohl keiner bedacht, dass die Fahrt über den See mehrere Kilometer weit geht. Somit hatten sich alle mächtig in der Zeit verschätzt. Und als dann auf der Rückfahrt auch noch ein widriger Gegenwind aufkam, gegen den Oleg kaum ankam, führte das dazu, dass die beiden nicht dort anlanden konnten, wo der Trail zur Ajaja begann, sondern viel weiter südostlich, was den Rückweg nochmals verlängerte. Somit kamen sie teils mit sich selbst und teils mit Oleg hadernd erst spät in der Nacht ins Camp zurück.

Ecopatrol Tag 1 - Nach getaner Arbeit

2.8.2005 15:00 Uhr: Nach getaner Arbeit stand und noch der gesamte hochsommerliche Nachmittag zur Verfügung. Ganz klar, dass man zuerst einmal ins Wasser springen muss - natürlich nach dem Essen, auch wenn man nicht mit vollem Magen baden soll, der Hunger war letztlich noch stärker und das Essen planmäßig fertig.

Erfrischung im Baikal nach dem ersten Arbeitseinsatz.
Erfrischung im Baikal nach dem ersten Arbeitseinsatz.
So mussten wir nur eine neue Grube ausheben, die Hütte umsetzen und die alte vollgelaufene Grube mit Erdreich bedecken.
So mussten wir nur eine neue Grube ausheben, die Hütte umsetzen und die alte vollgelaufene Grube mit Erdreich bedecken..
Andrej erlaubte sich den Scherz und legte sich in die neue Grube, bevor der Verschlag darüber gestellt wurde.
Andrej erlaubte sich den Scherz und legte sich in die neue Grube, bevor der Verschlag darüber gestellt wurde.
Oliver und Helmut waren mit Oleg und seiner Tochter an diesem Tag zum Frolicha-See hinauf gegangen, um ihm beim Hinaufschaffen der Ausrüstung behilflich zu sein. Das hatten wir am Vorabend so abgesprochen. Nun war ich gespannt, wann sie zurückkommen würden und was sie zu berichten hatten.

Nach dem ersten Erfrischungsbad gab es noch eine Maßnahme zur Verbesserung der Infrastruktur durchzuführen. Franziska hatte das Problem bereits am Vortag angesprochen und nun nochmals darauf gedrungen, etwas zu tun.

Aktion Plumsklo: Es ging um die Errichtung einer Latrine oder anders gesprochen, eines Plumsklos. Das Problem war nicht von der Hand zu weisen: Eine Gruppe von 12 Personen über 10 Tage an einer Stelle im Wald - da würde die nähere Umgebung des Camps sehr schnell von Tretminenfeldern umgeben sein. Also sollte man eine entprechende Grube mit Stehklo darüber anlegen.

Die Bedingungen waren gar nicht so schlecht, denn es gab bereits etwas abseits einen solchen Bretterverschlag - nur, die Grube darunter war so voll, dass die Sch***e bereits über den Rand der Abortöffnung hinauf einen Berg bildete. So mussten wir eigentlich nur eine neue Grube ausheben, die Hütte umsetzen und die alte vollgelaufene Grube mit Erdreich bedecken. Dazu teilten wir uns auf und machten uns an die Arbeit.

Andrej erlaubte sich den Scherz und legte sich in die neue Grube, bevor der Verschlag darüber gestellt wurde, was wir natürlich fotografisch dokumentiert haben. Um die Hütte im ganzen zu tragen, legten wir sie längs und entfernten die Tür.

Um die Hütte im ganzen zu tragen, legten wir sie längs und entfernten die Tür.
Um die Hütte im ganzen zu tragen, legten wir sie längs und entfernten die Tür.
Nun konnten wir sehr zufrieden den Sonnenuntergang geniessen und später noch ein wenig Lagerfeuerromantik erleben.
Nun konnten wir sehr zufrieden den Sonnenuntergang geniessen und später noch ein wenig Lagerfeuerromantik erleben.
Alles war perfekt - nur die Mücken waren in der Lage, die Idylle nachhaltig zu stören.
Alles war perfekt - nur die Mücken waren in der Lage, die Idylle nachhaltig zu stören.
Später mussten wir die Tür noch richten, da sie total verzogen war. Auch an der Hütte war die eine oder andere Latte nochmal an die Kanthölzer zu nageln. Drinnen noch ein großer Nagel fürs Klopapier und draußen einer als Hutablage (damit man erkennen konnte, das besetzt ist) und fertig war die Laube. Leider weiß ich nicht mehr genau, wer unsere zivilisatorische Errungenschaft als erster einweihte, auf jedenfall bedankte sich Franziska bei mir dafür, dass ich die Truppe zu diesem Arbeitseinsatz motiviert hatte.

Nun konnten wir sehr zufrieden den Sonnenuntergang geniessen und später noch ein wenig Lagerfeuerromantik erleben. Alles war perfekt - nur die Mücken waren in der Lage, die Idylle nachhaltig zu stören.

Oliver und Helmut waren immer noch nicht zurück. Erst als wir bereits Anstalten machten, ins Zelt zu gehen, kamen sie abgekämpft in Camp. Ich würde mir ihren Bericht morgen anhören, sagte ich mir, nachdem sie mir versicherten, dass alles in Ordnung sei.

Da wir Alten unseren Schlaf brauchten, verkrümelten Regina und ich uns recht bald ins Zelt, aber die Jugend saß noch eine ganze Weile am Feuer, bis auch sie zur Ruhe kam.

Ecopatrol Tag 1 - Erster Einsatz

2.8.2005 7:00 Uhr: Regina und ich kriechen aus den Schlafsäcken. Die Sonnenstrahlen brechen schon schräg durch die Bäume, wärmen aber kaum. Aber es wird, wie gestern ein heißer Tag werden.

Die Feuerstelle an unserer Feldküche - die Kocheimer sind gut zu erkennen, von außen gänzlich verrußt.
Die Feuerstelle an unserer Feldküche - die Kocheimer sind gut zu erkennen, von außen gänzlich verrußt.
Nachdem ich in die Klamotten gestiegen bin, gehe ich gleich zur Kochstelle und mache Feuer. Während es sich zu einem ordentlichen Lagerfeuer hochzüngelt, holen wir Wasser - direkt aus dem Baikal - zwei Eimer voll (dreiviertel voll etwa). Nach zehn Minuten hat sich das Feuer voll entfaltet und erwärmt das Wasser in den Eimern. Zeit zum Waschen. Die Zähne putze ich an der Solardusche, weil das Wasser darin lauwarm ist. Den Rest der Katzenwäsche vollziehe ich am Baikalstrand. So, wie es aussieht wird heute auch wieder ein Badetag werden, nach unserem ersten Arbeitseinsatz, so hoffe ich.

Ein Eimer hängt direkt über den Flammen, der andere hängt daneben und wird zumindest teilweise mit beheizt. 15 Liter Wasser zum kochen zu bringen ist eine langwierige Angelegenheit. Nach etwa 30 Minuten brodelt des Wasser im ersten Eimer. Wir hängen ihn etwas nach außen und schieben den anderen Eimer über die Flammen. Im ersten Eimer wird ein Milchbrei aus Milchpulver und irgend einer Zutat - entweder Buchweizen, Weizengrieß, Hirse, oder Haferflocken die sich von Tag zu Tag abwechselten - angerührt. Welche Art Brei es an diesem Morgen war, weiß ich beim besten Willen nicht mehr, aber Milchbrei am Morgen war obligatorisch.

Der zweite Eimer kochte schneller, (wohl weil er schon vorher gut vorgewärmt war, als er noch neben dem anderen hing. Er ist für Tee gedacht. Wir hatten sogar den Luxus, den Teesud in einem extra Topf zu brühen. So konnte jeder die Stärke seines Tees selbst bestimmen, indem er mit einer Kelle einen Teil Sud und einen Teil heißes Wasser in seinen Becher füllen konnte. Wer wollte, konnte sich auch löslichen Kaffee machen. Zunächst jedoch mussten die anderen geweckt werden, wie vereinbart um 8:00 Uhr.

Nun begann noch das Auftischen für zwölf Personen, was relativ schnell ging. Bis aber alle am Tisch waren war es schon etwa 8:30 Uhr. Der Frühstückstisch war immer reichlich gedeckt und recht abwechslungsreich, allerdings deutlich kohlenhydrat-lastig. Neben dem obligatorischen Tee und Brei gab es Brot, Butter, Marmeladen, Streichkäse, Wurstkonserven und jede Menge Kekse und Trockenbackwaren.

Unsere Feldküche am Nachmittag. Die Vorräte waren zum größten Teil in einem Vorratszelt abgestellt, teilweise stand das, was wir gerade benötigten, am Küchenstand. Butter und ähnliches versenkten wir in einem Plastikbeutel in einem Bach in der Nähe.
Unsere Feldküche am Nachmittag. Die Vorräte waren zum größten Teil in einem Vorratszelt abgestellt, teilweise stand das, was wir gerade benötigten, am Küchenstand. Butter und ähnliches versenkten wir in einem Plastikbeutel in einem Bach in der Nähe.
Das Trockenbackwerk war auch die Grundlage unserer Lunchpakete, die wir mit in den Wald nahmen. Dazu gab es anfangs auch noch Obst. Ich nahm zwar täglich meine Multivitamintablette, aber ich glaube, es wäre sicher nicht zu Vitaminmangelerscheinungen gekommen, erstens war es nur ein Zeitraum von 14 Tagen und zweitens wurde das Frischobst später durch Trockenfrüchte ersetzt.

Es war kurz vor neun. Wir waren noch am Frühstücken, da erschien Wladimir (Wolodja) der Ranger. Er grüßte nur flüchtig in die Runde und wandte sich dann an mich und die beiden russischen Jungs. Ich stellte später noch häufiger fest, das er vor allem die Mädchen völlig ignorierte - zumindest die ersten Tage. Er sagte, er wolle eine Begehung machen und den Abschnitt festlegen, den wir heute vom Unterholz freimachen sollten. Er wählte schließlich außer mir noch Jegor aus und machte sich auf den Weg. Uns blieb nur übrig, ihm zu folgen.

Auf den ersten paar hundert Metern war der Weg frei und gut erkennbar. Während wir da entlang gingen erläuterte Wolodja uns, wie er sich die Arbeit vorstellte. Er sprach im übrigen auch recht undeutlich, so dass es mir mitunter schwer viel, ihm zu folgen. Seine Anforderungen wurden mir im Laufe der nächsten Tage klarer, so dass ich sie jetzt strukturiert aufzählen kann:

  • Den Weg nach links und rechts 1 bis 1,5 Meter frei machen von Unterholz, wozu er kleine Birken, Erlen und Krüppelkiefern rechnete.
  • Kleingesträuch, wie Blaubeersträucher stehen lassen
  • Morastlöcher oder Sumpfabschnitte mit dem abgeschnittenen Geäst auffüllen zu Knüppeldämmen.
  • Queräste größerer Bäume oder von kleinen Nadelbäumen, die zu nahe an der Wegschneise standen, bis in 2 Meter Höhe absägen.
  • In Fällen, wo der Weg zu sehr erodiert ist, eine parallele Alternative anlegen und durch Wegemarkierung anzeigen (mit roter Farbe an großen Bäumen).
  • zudem schlug er vor, den Trail in einer Woche fertig zu stellen und den Rest frei zu haben, was natürlich verlockend klang.
Eigentlich war der Trail auch weiter hinten gut begehbar. Aber mit hohen Trekkingrucksäcken und bei feuchter Witterung (wo das Gestrüpp einen sofort durchnässen lässt) wäre das Durchkommen schon schwieriger. Wolodja führte uns bis zum Ende des Abschnittes, welchen wir als Tagespensum schaffen sollten. Dann liefen wir zurück und riefen die anderen zum Aufbruch.
Bis auf den Küchendienst, der zurück blieb, bewaffneten sich alle mit Äxten, Sägen und Astscheren und zogen los. Wie abgesprochen, begannen wir mit der Arbeit auf dem ersten Abschnitt. Wolodja lief und arbeitete Anfangs mit uns zusammen und nörgelte ab und zu über die Arbeitsweise des einen oder anderen. Aber ziemlich bald verzog er sich, vermutlich zur Rangerhütte an der Ajaja-Bucht und blieb bis zum nächsten Morgen für uns unsichtbar.

Die anderen Campteilnehmer stoßen zu uns

01.08.2005: Heute ist der erste offizielle Tag im Camp. Wir allerdings haben schon unsere erste Nacht in der Wildnis hinter uns gebracht. Sie war mild und ruhig. Dem entsprechend haben wir gut geschlafen und wurden von der Sonne geweckt, als sie schon relativ hoch im Osten stand und ordentlich wärmte. Auch dieser Tag wird heiß werden.

Der Anfang des Trails am Ufer der Ajaja-Bucht. Im Hintergrund sieht man die Bergkette, vor der sich der Frolichasee befindet. Die Gipfel sind knapp 2000m hoch. Rechts zwischen den Bäumen zeichnen sich unsere Zelte ab.
Der Anfang des Trails am Ufer der Ajaja-Bucht. Im Hintergrund sieht man die Bergkette, vor der sich der Frolichasee befindet. Die Gipfel sind knapp 2000m hoch. Rechts zwischen den Bäumen zeichnen sich unsere Zelte ab.
Die anderen erwarteten wir nicht vor Mittag. Wir wussten, dass sie mit einem langsameren Kutter kommen würden und für die Überfahrt etwa 3 Stunden benötigen werden. Daher konnten wir den Vormittag noch für uns nutzen, denn unsere Aufgabe, das Camp vorzubereiten, hatten wir erfüllt. Neben unseren Zelten haben wir weitere Zelte, die wir in der Ausrüstung hatten, aufgebaut und die Küchenlodge eingerichtet. Auch einen Vorrat an Feuerholz hatten wir angelegt. Die Jungs hatten sich wieder zum Strand begeben. Regina und ich beschlossen, schon mal den künftigen Wanderweg abzulaufen. Er sollte vom Ufer der Ajaja Bucht bis zum Frolichasee führen, etwa 6 Kilometer Luftlinie. Einen Trail gab es schon. Nur war er streckenweise sehr zugewachsen. Wenn man am Waldboden künstlich Licht schafft, wird es umso schneller vom Unterholz wieder erobert. Junge Birken schießen in die Höhe und vor allem Erlengestrüpp und Krüppelzedern wachsen von der Seiten in die Schneise des Wanderpfades hinein. So liefen wir etwa 2 Kilometer bis zu einem sumpfigen Abschnitt und kehrten um.

Nach unserem zünftigen Mittagessen beteiligten auch wir uns am Faulenzen. Wir rechneten nun bereits damit, dass der Kutter am Horizont auftaucht. Doch die Zeit verging bis zum späten Nachmittag, als hinter der nördlichen Landzunge ein Boot in Sicht kam. Sie waren es.

Der Kutter landete in bekannter Manie mit dem Bug im Ufersand an und ein schmaler Steg wurde angestellt. Dannach begann ein eifriges Ausbooten. Rucksäcke, Kartons, und Bündel wurden herabgereicht. Nach und nach standen immer mehr Leute am Ufer und wir machten uns bekannt. Die Mitteleuropäer (Franziska, Oliver und Helmut) waren ohnehin zu erkennen, ob nun an der Kleidung oder an der Art, sich zu geben - weiß der Kuckuck, es ist einfach so. Die Russen sind anders, auch äußerlich. Es waren ihrer vier: Egor, Tanja, Ljuba und Nadja.

Es waren aber auch andere Leute mit im Gewusel. Der Parkwächter kam mit seinem Boot herbei und unterhielt sich mit einem Mann im Tarnanzug, der auch mit dem Kutter gekommen sein muss. Wie ich dann noch erfuhr, war das Wolodja, der Ranger. Er sollte unser Brigadier werden und uns beim Säubern des Trail anleiten. Anfangs war er mir extrem unsympathisch. Er war sowas von besserwisserisch. Als wir das Gepäck ausluden, beteiligte er sich nicht und beachtete uns kaum. Nachdem wir alles zum Lager geschleppt hatten erschien er und sprach mich an. Er mäkelte an unsere Wahl für den Campstandort herum und sagte uns, welcher Platz seiner Meinung nach besser sei und warum. Ich konnte zwar keinen nennenswerten Unterschied feststellen, sagte aber, wir würden es uns überlegen. Natürlich wollte ich lediglich vermeiden, gleich am Anfang Spannungen aufkommen zu lassen und sagte ihm später nur, sein Platz sei zwar gut, aber wir würden jetzt das Lager nicht mehr verlegen, weil es zu aufwändig sei. Später stellte ich fest, das bei all seinen Mäkeleien er sich dennoch tolerant zeigte, wenn man diese ignorierte und nicht darauf beharrte, seine Tipps zu befolgen.

Schließlich verschwand er, wohl zum Parkwächter in die Blockhütte am Rande der Bucht. Er hatte uns aber, wie ich bemerkte, eine Schüssel mit mariniertem
Omul dagelassen, welcher von Fischern stammte, die regelmäßig an der Blockhütte aufkreuzten - ebensolche Hillbilly-Typen.

Wir saßen bis in die Nacht am Feuer. Links die drei Eisenbahner Oleg, Oliver und Helmut in einer Diskussion vertieft.
Wir saßen bis in die Nacht am Feuer. Links die drei Eisenbahner Oleg, Oliver und Helmut in einer Diskussion vertieft.
Aber es war noch jemand mit dem Kutter eingetroffen. Ein eigentümliches Paar, Oleg mit seiner Tochter Oksana, einem Teenager, hatte die Absicht, zum Frolichasee zu ziehen und mit einem Schlauchboot weiterzufahren. Dieses Schlauchboot hatten sie neben ihrer sonstigen Ausrüstung zum See hochzubringen und sie wussten auch schon, wie. Oleg, ein drahtiger aber schmächtiger Mann und seine halbwüchsige Tochter würden den Weg zum Frolichasee ohne fremde Hilfe zwei mal gehen müssen. Er hatte aber bereits mit Oliver und Helmut auf dem Boot Freundschaft geschlossen, da er Eisenbahner war, wie Oliver und ein Eisenbahnfan, wie die beiden. Damit war die Sache abgemacht. Helmut und Oliver entboten sich, ihm als Sherpa behilflich zu sein. Sie fragten mich, ob das OK wäre. Ich war zwar amüsiert über diese Eröffnung, aber ich sah da kein Problem. Doch diese Nacht schlugen Oleg und seine Tochter ihr Lager ebenfalls neben dem unserem auf.

Wir saßen noch bis in die Nacht am Feuer und lernten uns auf diese Weise noch näher kennen. Ich registrierte, dass die vornehmlich jüngeren Campteilnehmer mich als Ansprechpartner wahrnahmen und ich so langsam zum Campvater avancierte. Wir vereinbarten für den nächsten Tag: Wecken um 8:00 Uhr (Küchendienst 7:00 Uhr) und Abmarsch zur Arbeit um 9:00 Uhr.